Stoiber wieder oben auf
Die Geburt eines Sonnenkönigs

"Edmund, Edmund"-Rufe empfangen den Wahlsieger, als er um kurz vor halb sieben in die CSU-Fraktionsräume im Münchener Maximilianeum drängelt. Seine Anhänger klatschen. Aus den Boxen dröhnt der Queen-Schlager "We are the Champions". Eine CSU-Frau, die sich heute in ein fesches Dirndl gezwängt hat, stöhnt: "Wahnsinn".

MÜNCHEN. Edmund Stoiber strahlt über das ganze Gesicht. Das Ergebnis sei "sensationell und epochal", freut sich der CSU-Chef und formuliert - wie immer ein wenig hölzern: "Das ist ein Tag, der weit über die nächsten Wochen, Monate und eventuell Jahre hinausreicht." Und Generalsekretär Thomas Goppel im Trachten-Jancker jubelt: "Ein wahr gewordener Traum."

Schon kurz nach halb sechs verbreiten sich auf den Fluren des Maximilianeums erste Gerüchte: Die CSU komme deutlich über 60 %, die SPD stürzt unter 20 %, heißt es. Später sind selbst einige CSU-Politiker überrascht, als die ersten Ergebnisse kommen, können ihr Glück erstmal nicht fassen. Kurz vor sechs schon tauchen Wirtschaftsminister Otto Wiesheu und Finanzminister Kurt Faltlhauser bei der CSU-Wahlparty auf. Entspannte Gesichter, aber kein Jubel, als die Zahlen kommen. Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der knappen Niederlage gegen Gerhard Schröder ist Stoiber wieder obenauf. Über 60 Prozent der Stimmen, eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Sitze im Landtag hat er voraussichtlich erreicht. Das hat nicht einmal der CSU-Übervater Franz-Josef Strauß geschafft. Die Geburt eines neuen bayerischen Sonnenkönigs, der aber gleich abwiegelt: Er wolle mit der neuen Verantwortung "sorgsam" umgehen.

"Jetzt steht ihm alles offen", meint ein CSU-Mann im ersten Jubel. "Stoiber hat alle Aktien im Spiel", sagt ein anderer. Und mancher hier ist sich schon sicher, dass Stoiber in drei Jahren nochmal als Kanzlerkandidat der Union antreten wird. Stoiber hatte im Wahlkampf voll auf bundespolitische Themen gesetzt "Schröder muss weg", war seine Parole. Und die Strategie ging voll auf. "Wir haben die Stimmung genau getroffen", stellt Wiesheu fest. Die SPD in Bayern war machtlos. Zuletzt ließ SPD-Kandidat Franz Maget aus Verzweiflung und Mangel an Themen nur noch "Gegen eine Zwei-Drittel-Mehrheit" plakatieren. "Bei dieser SPD-Politik aus Berlin gibt es kein Mitleid der Wähler", stellt Faltlhauser dazu fest.

Der Tag hatte schon gut begonnen für Stoiber: Am Morgen geht er bei schönstem Sommerwetter in seiner Heimatstadt Wolfratshausen wählen. Und gibt sich betont zurückhaltend: Als Wahlziel nennt er am Morgen nur "50 Prozent plus ein möglichst großes X". Dabei weiß jeder, dass er an ein Ergebnis jenseits der Schallmauer von 60 % glaubt. Dann lässt sich der bayerische Ministerpräsident auf dem traditionellen Trachten- und Schützenumzug durch die Münchener Innenstadt zum weltberühmten Oktoberfest feiern. Im dunklen Jancker, Frau Karin an seiner Seite im Dirndl, grüßt und winkt er aus seiner mit weiß-blauen Blumen geschmückten Ehrenkutsche wie ein Sonnenkönig dem Volk - Bayern pur. So wird noch nicht einmal ein Bundespräsident gefeiert.

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