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Stoibers größte Blöße

Kanzler-Herausforderer Edmund Stoiber hat ein Problem, von dem er vielleicht noch gar nicht weiß: die Außenpolitik.

Wie soll der bayerisch-provinzielle Politiker den Nachbarn in Ost und West erklären, dass er nicht nur die Interessen der Altbayern, Schwaben, Franken und Sudetendeutschen vertritt, sondern vor allem die Interessen des gemeinsamen Europas?

Stoibers Auftritt am Aschermittwoch war kaum dazu geeignet, ihm außenpolitisches Profil zu geben. "Ich grüße auch unseren vierten Stamm, die Sudetendeutschen", verkündete er da in altgewöhnter Manier und sprach damit eine rund 1,5 Millionen starke, zumeist konservative Wählerschaft an. Die Sudetendeutschen hätten "in der CSU und in mir als Schirmherrn einen verlässlichen Anwalt". Es sei "nicht akzeptabel, dass in einem zusammenwachsenden Europa der tschechische Ministerpräsident die Sudetendeutschen pauschal als fünfte Kolonne Hitlers diffamiert". Es sei "ebenfalls nicht akzeptabel, dass er ihnen vorhält, die Vertreibung sei doch eine vergleichsweise milde Form der Bestrafung für die Verräter gewesen." Er habe in einem Schreiben an Herrn Zeman unmissverständlich klar gemacht: Das sei nicht unser Umgangston.

In der Sache hat Stoiber recht: Zemans Angriff war ungerecht, zu werten als Auftakt zum Wahlkampf in Prag. Zudem ist Stoiber persönlich betroffen. Seine Frau Karin wurde als Kleinkind aus dem westböhmischen Städtchen Bochov vertrieben, eben weil sie zu den Sudetendeutschen zählte.

Nun wäre Stoiber schlecht beraten, wenn er wegen des Vorfalls die Osterweiterung der EU blockieren wollte, wie die Hardliner der CSU möchten. Außenpolitisch ist Stoiber ein unbeschriebenes Blatt. Deswegen wird er sich im Wahlkampf auf innenpolitische Angstmache und wirtschaftliche Versprechen fixieren.

Stoiber wäre gut beraten, sich möglichst schnell gute Berater für außenpolitische Fragen zu besorgen. Der Weg dürfte nicht weit sein: In München sitzt der Ex-Kanzlerberater Kohls, Werner Weidenfeld, mit einem Stab versierter Wissenschaftler. Deren Arbeitskontakte und Forschungsprojekte reichen von der Osterweiterung der EU und Nato über den Umgang mit Migration und Minderheiten bis hin zur Belebung des transatlantischen Dialogs. Dort kann Stoiber lernen, was man alles besser machen kann als Gerhard Schröder. Und zwar in liberaler Weitsicht - nicht in provinzhafter Engstirnigkeit.

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