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Stop Hague 2001

Der Wahlkampf zwischen Blair und Hague kann getrost als wenig spektakulär bezeichnet werden. Für mehr Wirbel sorgte dagegen das sogenannte "Vote-Swapping" im Internet.

Ähnlich der Kontakt-Börse Napster tauschen immer mehr Briten ihre Stimmen, um die eigenen Kandidaten ins Unterhaus zu hieven. Der virtuelle Stimmentausch bei der Wahl des 43. US-Präsidenten im vergangenen Jahr dient dabei als Vorbild. Zur Erinnerung: In den USA waren potenzielle Wähler des Grünen Ralph Nader sowie Anhänger von Al Gore die Zielgruppe dieser Aktionen. Im Gegenzug für die Unterstützung des Vizepräsidenten in den hart umkämpften "Battleground States" sollten die Anhänger des demokratischen Kandidaten in bereits sicher gewonnen oder verloren geglaubten Bundesstaaten Naders Grünen zum Sprung über die 5-Prozent-Hürde helfen. Die Internetadressen: nadersraidersforgore.com, greensforgore.org, nadertrader.org oder nadergore.com .

Obwohl der Republikaner George W. Bush bekannterweise heute Präsident und das Unternehmen somit fehlgeschlagen ist, ließen sich engagierte britische Bürger nicht davon abschrecken. Sie richteten Online-Handelsplätze ein. Die Unruhestifter an der Wahlfront funktionieren zunächst einmal nach dem Muster einer Kontaktbörse und erinnern - wenn auch nicht technisch - so doch prinzipiell an die Musik-Tauschbörse Napster.

Die Frustration rührt aus ähnlichen Gründen wie in den USA her. Viele Stimmen drohen wegen des Wahlsystems verloren zu gehen. In Großbritannien gibt es die relative Mehrheitswahl im Einerwahlkreis. Das heißt, der Kandidat aus den 659 Wahlkreisen wird in das Parlament entsandt, der die meisten Stimmen im Wahlkreis auf sich vereinigt, - auch wenn dies weniger als 50 Prozent der in diesem Wahlkreis abgegebenen Stimmen sind. Alle anderen Stimmen sind "verloren".

Unter den Internet-Adressen www.tacticalvoter.com oder www.stophague.com kann nun jeder die politischen Folgen dieser "Stimmenvernichtung" nachlesen. Wähler der wenig aussichtsreichen Liberaldemokraten im Wahlkreis Wimbledon warfen 1997 ihren Stimmzettel "aussichtslos" in die Wahlurne, ebenso wie Anhänger von Labour im benachbarten Bezirk Kingston & Surbiton.

Hier haben Liberale die Tories bei den Unterhauswahlen knapp geschlagen, benötigen also jede Stimme, und Labour spielt praktisch keine Rolle. Wahlberechtigte Bürger ließen sich deshalb zum Stimmentausch registrieren und nahmen über E-mail miteinander Kontakt auf. Zwei normalerweise verlorene Stimmen sind auf diese Weise gerettet. In welchem Wahlkreis "Vote-Swapping" Sinn macht, lässt sich online feststellen.

Allerdings gibt es auch einen Pferdefuß. Ob sich der Bürger am anderen Ende der Computerleitung an die Vereinbarung hält, ist Vertrauenssache.

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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