Stop-Loss-Marken haben ihre Tücken
Notbremse für Anleger

Ist diese Abrechnung in Ordnung?" Die Stop-Loss-Marke lag bei einem Aktienkurs von 70 Euro, der Anleger erhielt als Verkaufserlös 59 Euro. Und wendet sich mit seiner Frage empört an die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Düsseldorf. Wie Carsten Heise von der DSW-Geschäftsführung berichtet, sind solche Anfragen keine Seltenheit.

HB FRANKFURT. Immer mehr Investoren setzen Stop-Loss-Marken, um ihre Verluste zu begrenzen. "In dieser unruhigen Börsenzeit ziehen Kunden, die risikoreich investiert sind, gerne Stops ein", berichtet auch Roland Hildenbeutel, Teamleiter Individualkunden bei der Commerzbank. Doch die Vorfälle, über die die Schutzvereinigung berichtet, zeigen, dass zahlreiche Anleger nicht wissen, wie diese Instrumente funktionieren; die Bankberater klären ihre Kunden in dieser Hinsicht offensichtlich nicht ausreichend auf.

So muss der Veräußerungserlös nicht in Höhe des Limits liegen, wie Investoren oftmals glauben. Eine Stop-Order schlummert so lange in den Büchern der Makler, bis das festgelegte Kursniveau erreicht oder unterschritten wird. Dann verkauft der Makler die Aktie zum nächstmöglichen an der Börse gehandelten Kurs. Dieser kann wieder über der Marke liegen, aber auch deutlich darunter. "Gerade in Crash-Situationen ist das Risiko groß, dass der Kurs, zu dem verkauft wird, erheblich niedriger ist als die Stop-Loss-Marke", warnt Rechtsanwalt Dietmar Kälberer von der Kanzlei Tilp & Kälberer in Kirchentellinsfurt bei Tübingen.

"Die Händler brauchen einige Minuten, um zu verkaufen, müssen ja auch erst einmal einen Käufer finden; das kostet den Käufer in einer solchen Situation oft viel Geld." Einige von Kälberers Kunden verklagen ihre Banken wegen mangelnder Aufklärung über diese Risiken auf Schadenersatz - seiner Ansicht nach mit guten Aussichten.

Unterschied bei Optionsscheinen und Aktien

Was Anleger außerdem über die Stop-Aufträge wissen sollten: Bei Optionsscheinen werden die Stops anders ausgelöst als bei Aktien (siehe "Heiße Scheine unter Kontrolle"). Im Allgemeinen können Stop-Orders täglich, per ultimo - also zum Monatsende - oder auch zum Jahresende gesetzt werden. An der Börse sind Stops mit Wirkung bis zum Ende des Monats die gängigste Variante.

Bevor Investoren die Aufträge erteilen, sollten sie sich informieren, wie hoch die Gebühren bei ihrer Hausbank sind. Denn es gibt deutliche Unterschiede. Beispielsweise zahlt ein Anleger beim Discountbroker Consors für jedes Limit 4,99 DM, während etwa die Commerzbank 10 DM kassiert. Heise zufolge verlangen manche Geldhäuser sogar bis zu 20 DM. In der Regel handelt es sich bei diesen Gebühren jedenfalls um Festbeträge.

Beim Festlegen der Stop-Marken sollten Privatanleger Folgendes beachten: "Zunächst müssen sie sich darüber klar werden, bei welchem Kurs ihre Leidensfähigkeit eine Grenze hat - und dann die Stop-Marke darüber setzen", rät Markus Maisch, Abteilungsleiter Aktienhandel bei der Frankfurter Sparkasse, mit Blick auf die oft niedrigen Ausführungskurse, zu denen in einem Abschwung abgerechnet wird.

Stop-Marken regelmäßig anpassen

Wichtig ist auch: Investoren sollten die Marktentwicklung ständig mitverfolgen. Denn die Stops müssen häufig entsprechend angepasst werden. Einmal ein Limit zu vergeben und sich dann zurücklehnen, hat zum Beispiel bei Wachstumstiteln wie den Aktien am Neuen Markt oft fatale Folgen. Das heißt im Klartext: Mit Stop-Loss-Marken sollten nur aktiv handelnde Anleger hantieren.

Wichtig sind diese Aufträge insbesondere für Daytrader. "Diese Anleger begehen aber oft den Fehler, die Stops zu eng zu setzen, weil sie die möglichen Tagesschwankungen unterschätzen", weiß Maisch. Für sie - aber auch für die anderen Aktienanleger - hält er noch den Tipp parat, Stops nicht bei runden Marken zu setzen, zum Beispiel bei 6 000 Dax-Punkten oder einem Kurs von 120 Euro für die SAP-Aktie. Der Grund für diese Empfehlung ist leicht einzusehen: Viele andere Marktteilnehmer gehen in dieser Weise vor, wie Maisch festgestellt hat. Fällt die Aktie oder der Index tatsächlich auf oder unter dieses Niveau, gibt es wegen der vielen Verkaufsaufträge einen starken Druck nach unten, und die Abwärtsbewegung beschleunigt sich noch. Daher ist die Gefahr groß, dass das Stop-Loss-Limit weit unterschritten wird.

Auch Stop-Buy-Aufträge haben ihren Haken

Dazu kommt: Einige Marktteilnehmer, in der Regel wohl Profis, wissen, dass dieser Einbruch auf technische Faktoren - die automatisch ausgelösten Verkaufsaufträge - zurückzuführen ist. Sie warten nur auf die Gelegenheit, zu niedrigen Kursen einsteigen zu können, und treiben dann die Aktie oder den Index mit ihren Käufen nach oben. Oft steigen die Kurse sogar wieder über das Stop-Niveau hinaus, hat Maisch beobachtet - und die ausgestoppten Investoren haben das Nachsehen.

Für Anleger, die in der jetzigen Börsenphase bei einigen Aktien gute Chancen auf Kursgewinne sehen, bietet sich übrigens eine andere Form der Stop-Order an: so genannte Stop-Buy-Aufträge. Sie sind das Gegenstück zur Stop-Loss-Order. Sobald die Aktie das vereinbarte Limit erreicht oder überschreitet, greift der Händler zum nächstmöglichen Kurs zu. Aus Sicht von Rechtsanwalt Kälberer haben jedoch auch diese Aufträge einen Haken. Die Anleger würden sich die Chance nehmen, auf günstigere Kaufgelegenheiten zu warten, warnt er. Dazu ein Beispiel: Eine Aktie notiert bei 30 Euro. Der Kurs bröckelt langsam ab. Bei 25 Euro hat der Anleger einen Stop-Buy-Auftrag erteilt. Der Titel fällt plötzlich binnen Sekunden auf 20 Euro zurück und verharrt auf diesem Kursniveau. Der Anleger hätte die Titel demnach wesentlich günstiger einkaufen können, wenn er keine Stop-Buy-Marke gesetzt hätte. In manchen Situationen ist es also besser, die Finger vom Handel mit Stopmarken zu lassen.

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