Archiv
Stoppt den Exodus der Kreativen!

Wohlstand basiert auf permanenter Innovation. Doch Deutschland gibt viel zu wenig Geld für Forschung, Entwicklung und Zukunftstechnologien aus – im Gegensatz zu Japan und Amerika.

Johannes Gutenberg, Carl Benz, Gottlieb Daimler oder Rudolf Diesel, Albert Einstein, Wilhelm Heisenberg - bedeutende deutsche Wissenschaftler haben die Welt durch ihre Erfindungen weitergebracht. Heute hingegen sichern vor allem Amerikaner und Japaner die Zukunft ihrer Gesellschaften und Ökonomien. Deutschland schneidet im internationalen Vergleich eher schlecht ab:

Privat und öffentlich fließt zu wenig Geld in Forschung und Entwicklung, nämlich nur 2,4 % unseres Bruttoinlandsproduktes (im Vergleich zu 2,8 % in den USA, 3,4 % in Finnland und 3,7 % in Schweden). Die deutschen Aufwendungen für Innovation liegen bei 58 Mrd. ? p.a. - die amerikanischen sind rund fünfmal höher. Besonders bei den Ausgaben für Forschung in den Zukunftsbereichen High Tech und High Serve zeigt Deutschland sich knauserig.

Geringe F&E-Ausgaben und falsche Allokation unserer Kapitalressourcen bewirken einen negativen Saldo von 4,4 Mrd. ? bei unserem Außenhandel mit geistigem Eigentum: Anstatt deutsches Know-how (etwa Patente und Lizenzen) weltweit zu verkaufen, importieren wir.

Dabei hängt der Erfolg jeder hoch entwickelten Volkswirtschaft direkt von ihrer Fähigkeit zur Innovation ab. Unser Wohlstand beruht auf einer "Innovationsrente". Wir müssen innovative Produkte und Dienstleistungen herstellen, die andere Länder nicht selbst produzieren, aber benötigen. Nur dafür bekommen wir die hohen Preise, die unsere Löhne, unseren Wohlstand und unsere Beschäftigung finanzieren. Als Hochlohnland kann Deutschland nicht mit dem großen Rest der Welt konkurrieren. Wir müssen also zu alter Innovationsstärke zurückfinden.

Deutschland weist durchaus bedeutende Innovatoren auf: Siemens, Bosch und Daimler-Chrysler haben im vergangenen Jahr gemeinsam knapp 8 000 Patente angemeldet, deutsche Automobilhersteller sind Weltmarktführer in Funktionalität, Produktqualität, Sicherheit und Design - ebenso deutsche Maschinenbauer. Doch Innovation findet in Deutschland hauptsächlich in traditionellen Industriekonzernen statt. In den USA hingegen ziehen junge Unternehmerpersönlichkeiten Kapital- und Humanressourcen an und bauen die hoch innovativen Unternehmen der wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft auf. Bill Gates, Steve Case oder Jeff Bezos haben allesamt Experimentierfreude, Risikobereitschaft und Mut zur kreativen Zerstörung im Sinne Schumpeters bewiesen. Heute führen sie flexible und global marktführende Unternehmen.

Deutschland innoviert zwar erfolgreich bei mittel- und höherwertigen Industrieprodukten, doch zu wenig in den Wachstumsbereichen: Hochtechnologiesegmente wie Biotechnologie, IT, Neue Materialien und Nanotechnologie, aber auch zukunftsweisende Dienstleistungen wie Finanzierungs-, Beratungs- sowie Entertainmentlösungen kommen zu kurz.

Dazu kommt: Unsere Spitzenköpfe forschen lieber im Ausland. Der Zellbiologe Günther Blobel und die Physiker Horst Ludwig Störmer, Herbert Krömer und Wolfgang Ketterle, allesamt Nobelpreisträger der vergangenen Jahre, haben Deutschland verlassen und wurden nun für ihre Forschungen in den USA geehrt.

Die Diagnose des Innovationsklimas in Deutschland fällt also insgesamt negativ aus: zu geringe und nicht zielgerichtete Ressourcenallokation, Rückstand in den Innovationsfeldern der Zukunft und unzureichende Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung.

Innovation entsteht durch wissenschaftliche und unternehmerische Kreativität - aber der Staat muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Das restriktive Teilzeit- und Befristungsgesetz verhindert jedoch hier zu Lande oftmals eine dem jeweiligen Forschungsprojekt angepasste zeitliche und inhaltliche Kooperation von Forschern. An Stelle des starren öffentlichen Dienstrechts, dem Wissenschaftler unterliegen, braucht Deutschland endlich ein eigenes Wissenschaftstarifrecht, um hochkarätige Wissenschaftler zu halten und anzuziehen. Auch in den Bereichen Liberalisierung bei der Verwertung von Innovationen, steuerliche Förderung von Innovationsprojekten und Theorie-Praxis-Transfer sind Reformen überfällig. Dass wir erfolgreich sein können, zeigt das Beispiel Gentechnologie: In der Frühphase verhinderte die äußerst restriktive Gesetzgebung die Entwicklung dieser Zukunftsbranche. Heute belegt Deutschland in Europa eine Spitzenposition. Vor allem, wenn Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ihre Handlungsstrukturen vernetzen und das gemeinsame Ziel der Innovationsführerschaft formulieren, lässt der Erfolg nicht auf sich warten: Dies zeigt die Erfolgsgeschichte regionaler Cluster.

Cluster sind branchenspezifische Netzwerke von Unternehmen, Forschungseinrichtungen, privaten und öffentlichen Kapitalgebern, unternehmensnahen Dienstleistern und Behörden, die in einem innovationsfreundlichen Klima regional ihre Kräfte bündeln. Ob Softwareentwicklung in Kaliforniens Silicon Valley oder High Tech in Oberbayern, das Ergebnis ist beeindruckend. Beispiel USA: Während die Gesamtwirtschaft durchschnittlich mit vier Prozent wächst, treiben die Cluster mit jährlichen Wachstumsraten von bis zu 20 % die gesamte Wirtschaft an. Der "Innovationsfunke" springt dabei vom Cluster auf angrenzende Regionen und Wertschöpfungsstufen über.

In Ostdeutschland haben seit der Wende zahlreiche Branchen mit der Vernetzung begonnen (zum Beispiel Biotechnologie um Berlin, Fahrzeugtechnik/Automobilbau in Chemnitz und Dresden, Medien in Potsdam, Photonik in Jena und Erfurt oder Mikroelektronik und IT in Dresden). Private und öffentliche Akteure sind nun gefordert, die Bildung und Entwicklung dieser Cluster zu unterstützen. Theorie und Praxis, wissenschaftliche (Grundlagen-) Forschung und anwendungsorientierte Produktentwicklung sowie eine forschungs- und gründerfreundliche Gesetzgebung schaffen das geeignete Innovationsklima - der Motor für Fortschritt und Wachstum einer Volkswirtschaft. Durch konsequenten Fokus auf die Entwicklung und den Ausbau von Clustern kann Deutschland wieder zu mehr Innovation gelangen und so seinen Wohlstand dauerhaft sichern.

Roland Berger ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Roland Berger Strategy Consultants.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%