Strategen sehen Aktienmärkte im Niemandsland
Der lange Weg ins Biotech-Zeitalter

Nach dem Platzen der Technologie-Blase kommen die Weltbörsen kaum vom Fleck. Glaubt man den Prognosen einiger Aktienstrategen, dann wird die nächste Hausse noch lange auf sich warten lassen. Der neue Megatrend der Biotechnologie kündigt sich zwar bereits an, doch bis er sich durchsetzt, könnte es noch Jahre dauern.

FRANKFURT/M. Was kommt nach dem Informationszeitalter? Wohin entwickelt sich die Wirtschaft? Welcher langfristige Trend bestimmt in den nächsten Jahrzehnten das Geschehen an der Börse? Der Komplex Biotechnik, Gesundheit, Medizin und Umwelt, lautet die Antwort der meisten Experten auf diese Frage. Für Euphorie ist es allerdings noch deutlich zu früh. Bis die neue Epoche auch zu einer neuen Hausse an den Börsen führt, könnte noch viel Zeit ins Land gehen.

Bei ihren Vorhersagen berufen sich die Fachleute auf die Theorie der langen Konjunkturwellen, die sich über 40 bis 60 Jahre erstrecken und von bahnbrechenden neuen Basis-Technologien ausgelöst werden. Vater dieser Lehre ist der russische Volkswirtschaftler Nikolei Dmitrijewitsch Kondratieff, der in den 20er Jahren neben den kurzen und mittleren auch noch sehr lange Wirtschaftszyklen identifizierte.

Ursache dieser "Kondratieff-Wellen" sind nicht äußere Ereignisse wie Kriege, Revolutionen oder andere gesellschaftliche Umwälzungen, die Wellen entstehen aus der Dynamik der Ökonomie selbst.

Seit 1800 haben die Wirtschaftsforscher vier abgeschlossene Kondratieff-Wellen ausgemacht. Der erste Zyklus wurde von der Entwicklung der Dampfmaschine getragen, der zweite war die große Zeit des Stahls, der dritte basierte auf der Elektrotechnik- sowie der Chemieindustrie und der vierte auf der Petrochemie und dem Automobilbau.

"Im Moment stehen wir am Ende des fünften Zyklusses, der von der Informationstechnik mit dem Mikroprozessor als Basisinnovation geprägt war", meint Gerhard Grebe, Chef-Investmentstratege der Julius Bär Kapitalanlage AG. Ein kritisches Stadium, denn beim Übergang von einer Welle zur nächsten komme es in der Regel zu Rezessionen. Genau an diesem Punkt befinde sich die Weltwirtschaft gerade. "Der eine Zyklus ist erschöpft, der neue noch nicht genug entwickelt", erläutert Gerbe.

Grundsätzlich teilt auch Thomas Deser, der für Union Investment den Fonds Uni-21.Jahrhundert managt, diese Einschätzung. Allerdings spricht Deser lieber von Technologiezyklen als von Kondratieff-Wellen. Deser setzt darauf, dass die nächste Schrittmachertechnologien nach Auslaufen der Informationstechnik-Welle vor allem aus den Bereichen Biotechnologie, Medizintechnik und alternative Energien kommen werden.

Grebe stimmt zu: "Das oberste Ziel im fünften Zyklus war die Steigerung der Produktivität durch die Optimierung der Produktionsprozesse und der Beziehung Mensch und Technik". Die negativen Folgen dieser Entwicklung seien Stress und Krankheiten, die erhebliche Kosten verursachen. Die Gesundheitskosten könnten nach Grebes Schätzung von heute zehn Prozent der Wirtschaftsleistung auf 25 Prozent ansteigen.

"Im sechsten Zyklus wird es vor allem um die Reparatur der Fehlentwicklungen des Fünften gehen", lautet deshalb Grebes These. Im Mittelpunkt stünden Probleme wie die Bekämpfung bislang unheilbarer Krankheiten, die Verbesserung der Umweltqualität, saubere Luft, sauberes Wasser, intakte Landschaften und fruchtbare Böden.

Wie lange die Anleger auf die ersten Impulse des neuen Zyklusses warten müssen, lässt sich nach Desers Meinung kaum abschätzen. "Von heute auf morgen geht das nicht", meint der Fondsmanager. An den Aktienmärkten hält er auf Sicht von einem Jahr eine Seitwärtsbewegung für wahrscheinlich. "Auf Sicht von drei oder vier Jahren könnte sich dann aber wieder ein Aufwärtstrend durchsetzen".

Sein Kollege Grebe zeigt sich da weniger optimistisch. Mit der fünften Kondratieff-Welle geht für den Julius-Bär-Strategen auch der lange Aufschwung an den Börsen in Europa und den USA seit Anfang der 80er Jahre zu Ende.

"Die achtziger und neunziger Jahre waren eine Ausnahmesituation, geprägt durch deutlich sinkende Inflationsraten, einen höheren Anteil der Unternehmensgewinne an der Wirtschaftsleistung, fallende Renditen und die Öffnung der Märkte", sagt Grebe. Alles Faktoren, die die Aktienmärkte gestützt hätten. Dazu seien einmalige Ereignisse wie der Fall des eisernen Vorhangs und die damit verbundene Friedensdividende gekommen.

"Viele dieser Argumente gelten so aber nicht mehr", macht Grebe klar. So seien zum Beispiel die Inflationsraten so niedrig, dass sie nicht mehr signifikant weiter fallen könnten. Ähnliches gelte für die Renditen. Grebes Schlussfolgerung fällt denn auch wenig ermutigend aus: Er fürchtet, dass die Kursentwicklung an den Aktienbörsen in den kommenden Jahren eher dem zyklischen Auf und ab der 70er Jahre als dem Aufwärtstrend in den Jahrzehnten danach ähneln wird.

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