Strategen setzen auf defensive Werte
Keine Angst vor neuen Tiefs

Investmentbanken fürchten kein "double dip" an den Aktienmärkten - also ein Fall auf oder gar unter die September-Tiefs. Doch die rasante Kursentwicklung vor der jetzigen Schwächephase begrenzt den Spielraum nach oben. Auf defensive Werte setzen, heißt deshalb die Strategie der meisten Experten.

DÜSSELDORF. Immer mehr Frühindikatoren signalisieren eine Erholung der Wirtschaft. Das überraschende Plus beim US-Bruttoinlandsprudukt im vierten Quartal untermauert den Optimismus. Doch seitdem die Börsen schwächeln und seitwärts pendeln, gewinnen Skeptiker die Oberhand: Droht nach einer kurzen Erholung für Wirtschaft und Börsen ein zweiter Rückfall - ein double dip?

Fakt ist, dass in vergangenen Rezessionen die Wirtschaft nach einer Erholung meist wieder abrutschte. Dafür gibt es auch dieses Mal Indizien. Ökonomen wie Stephen Roach von Morgan Stanley befürchten, dass die enttäuschende Nachfrage der verschuldeten Konsumenten dazu führt, dass die Unternehmen ihre Produktion erneut herunterfahren müssen. Der Chefvolkswirt erwartet nach einer Erholung im Frühjahr erneut einen Einbruch.

Auf der anderen Seite sprechen die vollen Auftragsbücher des verarbeitenden Gewerbes, drastisch gesunkene Lagerbestände, das gestiegene Konsumentenvertrauen und die Entspannung am Arbeitsmarkt für nachhaltiges Wachstum. "Wir glauben, dass die Faktoren zwar ausreichen, um ein double dip zu verhindern - aber nicht, um eine milde Abschwächung im zweiten Halbjahr abzuwenden", entscheiden sich die Experten bei CSFB für einen dritten Weg. "Das Risiko liegt in der noch unbekannten Breite der Talsohle", stellt die SEB-Bank fest.

Double dip hin oder her - die Vergangenheit zeigt auch, dass eine Zwischenerholung während einer Rezession maximal ein Quartal dauerte. Anleger wurden "in der Regel nicht auf die falsche Fährte gelockt", meint Chefvolkswirt Jörg Krämer von Invesco Asset Management. Nur einmal seit dem zweiten Weltkrieg - Anfang der achtziger Jahre - habe es in den USA eine Doppelt-Rezession gegeben. Die Zwischenerholung hielt so lange an, dass Anleger fälschlicherweise vom Beginnn eines nachhaltigen Aufschwungs ausgehen mussten.

Mit Ausnahme von 1981/82 hatten die Börsen aber immer ein sicheres Gespür für die Entwicklung der Wirtschaft. Jeder konjunkturelle Tiefpunkt ging mit einem Tief an den Aktienmärkten einher. Ein Jahr später notierten die Börsen mindestens 20 % im Plus. "Daraus kann gefolgert werden, dass auch in diesem Aufschwung die Wahrscheinlichkeit einer positiven Aktienperformance in den nächsten 12 bis 18 Monaten extrem hoch ist", meint M.M. Warburg.

Doch weil der Deutsche Aktienindex (Dax) bereits über 20 % vom September-Tief gestiegen ist, äußern sich die meisten Investmenthäuser für die weitere Entwicklung zurückhaltend. Sie rechnen zwar mit einer zügigen Erholung der Wirtschaft. Doch anders als vor einem halben Jahr erwartet kaum noch jemand kräftige Zuwachsraten. Und weil sich die Märkte bereits deutlich erholt haben, meinten Strategen, dass die Börsenluft dünner wird. Während Julius Bär Technologiewerte für ähnlich hoch bewertet hält wie auf dem Höhepunkt der High-Tech-Blase, verweist SEB auf das hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 50 im marktbreiten amerikanischen S & P-Index.

Dementsprechend favorisieren die meisten Analysten eine defensive Strategie. "Wir sind jetzt weniger bullisch für Technologieaktien" sagt Prudential Securities. SEB empfiehlt, nur Kursrückschläge zu vorsichtigen Zukäufen zu nutzen. Auf der Empfehlungsliste stehen Siemens, Schering, Porsche, Buderus und der Neue-Markt-Wert Pfeiffer Vakuum.

Das Bankhaus M.M. Warburg setzt auf Unternehmen, die eine hohe Dividendenrendite zahlen und mit einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis (Aktienkurs in Relation zur Summe aller Firmen-Vermögenswerte) glänzen. Beide Kriterien erfüllen für Warburg neben Daimler-Chrysler und Commerzbank Kolbenschmidt Pierburg, Dürr, IWKA und Jungheinrich.

Mehr Optimismus für das laufende Jahr verbreitet dagegen Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin: "Enron und die Zunahme an Insolvenzen sind ein Indikator dafür, dass es in den USA nicht so wird wie in Japan." Die Strategin sieht die Pleite des Energiehändlers als Zeichen für eine Bereinigung. Zwar sei die erwartete Konjunkturerholung bereits in den Kursen "eingepreist". Dennoch setzt sie das Kursziel für den Dax auf 6 000 Punkte: "Die Unternehmen restrukturieren sich. Dadurch steigt die Produktion stärker als bislang erwartet." Anders als die meisten ihrer Kollegen setzt Traud weniger auf defensive Werte. "Im Aufschwung profitieren mehr Technologie-Aktien, wie Software- und Chipwerte."

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