Strategische Bedeutung im Vordergund
Voice-Stream macht eine gute Figur

Am 1. Juni begehen John Stanton und Ron Sommer ihr "Einjähriges". Genau zwölf Monate ist es her, dass die beiden Firmenchefs in einer der teuersten Übernahmen der internationalen Mobilfunkwelt die kleine Voice-Stream unter das Dach der Deutschen Telekom geführt und dem Konzern damit das ersehnte Standbein auf dem noch ungesättigten US-Markt verschafft haben.

vwd DÜSSELDORF. Aber vor der Feier wartet der Frust: Auf der Hauptversammlung wird Sommer für den Kauf erneut heftige Kritik einstecken müssen, sind doch die Abschreibungen auf den Preis ein Grund für den riesigen Verlust der Telekom. Dabei macht Voice-Stream im operativen Geschäft keine schlechte Figur.

Vor knapp zwei Jahren, im Juli 2000, drangen die ersten Übernahmegerüchte an die Öffentlichkeit, nachdem die Telekom in den Wochen zuvor mit diversen Unternehmen, allen voran dem viertgrößten US-Telefonkonzern Sprint, in Verbindung gebracht worden war. Es wurde dann die landesweite Nummer Sechs: Eine erst 1994 gegründete Gesellschaft aus Bellevue im Hightechrevier um Seattle mit damals gerade mal 2,3 Millionen Kunden. Die meisten deutschen Experten hatten kaum etwas von ihr gehört. Fast alle aber waren froh, dass die Telekom ein Jahr nach dem schlimmen Platzen der Verlobung mit Telecom Italia endlich den erwarteten internationalen Partner bekommen sollte.

Euphorie hat sich gelegt

Nach politischem Gegenwind aus Washington konnte Sommer die Braut heimführen. In der Zwischenzeit aber hatte sich die Euphorie in und gegenüber der Branche gelegt. So hatte der Vorstandsvorsitzende schon auf der Hauptversammlung des vergangenen Jahres große Mühe, seinen enttäuschten Aktionären zu vermitteln, warum er 35 Mrd Euro für ein Unternehmen auszugeben gedenkt, dessen Verlust drei Viertel des Umsatzes ausmacht: 2001 stand Erlösen von knapp vier Mrd USD unter dem Strich ein Fehlbetrag von rund drei Mrd USD gegenüber. Dass Voice-Stream im abklingenden Boom überteuert eingekauft worden sei, meinen heute die meisten Experten.

"Die Akquisition hat Shareholder Value bei der Deutschen Telekom vernichtet", konstatiert WestLB-Analyst Frank Wellendorf. Auf der anderen Seite könne Sommer zufrieden sei, denn die tEuroe Tochter habe die gesteckten Ziele erreicht. So sei sie bei der Kundengewinnung der erfolgreichste US-Mobilfunker hinter Sprint. Von Januar bis März hat Voice-Stream unter dem Strich rund eine halbe Million neuer Teilnehmer bekommen - ohne auf der Ertragsseite draufzahlen zu müssen. Knapp drei Viertel aller Netto-Neukunden von T-Mobile gehen auf der Konto der US-Tochter, die jetzt gut 7,5 Millionen Handynutzer zählt. Bis Jahresende sollen es mehr als neun Millionen werden.

Dann soll Voice-Stream außerdem 200 Millionen potenzielle Kunden erreichen können. Mit 162 Millionen Ende März sieht sie sich auf gutem Kurs. Auch der Umsatz, den jeder Vertragskunde im Schnitt monatlich bei Voice-Stream lässt, kann sich sehen lassen: Über 50 Euro und damit mehr als doppelt soviel wie in Euroopa. Wellendorf hebt hervor, dass das Westcoast-Unternehmen im ersten Quartal vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen mit 106 Mio Euro zum ersten Mal schwarze Zahlen geschrieben hat. Im Jahresverlauf soll das operative Ergebnis deutlich zulegen und der Konzernsparte T-Mobile angesichts einer in Euroopa anbrechenden Ära gedämpften Wachstums zu mehr Gewinnen verhelfen.

"Strategisch unglaublich wichtig"

Strategisch sei Voice-Stream "unglaublich wichtig" für die Telekom, hebt Marcus Sander, Mobilfunkanalyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim, hervor. Die Gesellschaft ist in einem Land tätig, in dem zwar fast jeder im Internet surft, aber wo der Mobilfunk noch relativ wenig verbreitet ist. Knapp 50 Prozent der US-Bürger nutzen ein Handy, während es WestEuroopa rund 70 Prozent sind. In den USA sei das Wachstum stärker als in den vier größten Euroopäischen Märkten zusammen, unterstreicht die Telekom. Hinzu kommt: Das riesige Land kennt keine einheitliche flächendeckende Mobilfunktechnik. Die meisten Bewohner können sich nur regional via Handy verständigen.

Voice-Stream will als einziger Anbieter mit der Übertragungstechnik GSM von New York bis San Francisco, von den Großen Seen bis zum Golf von Mexiko präsent sein. GSM ist nicht nur Standards wie TDMA überlegen, die sich nicht für die lukrative Datenübertragung eignen. Mehr noch - die Technik wird praktisch in der ganzen Welt verwendet. Wer also aus den USA ins Ausland telefonieren will oder, wie die gern gesehenen Geschäftskunden, viel jenseits der Grenzen unterwegs ist, der sei mit einem GSM-Handy besser beraten, so das Kalkül der Telekom. Seit Anfang 2001 bietet sie entsprechend in voller Breite transatlantisches Roaming.

Doch die Konkurrenz rüstet auf: Cingular und AT&T, die Nummern Zwei und Drei mit zusammen über 30 Millionen Kunden, lassen sich für viel Geld GSM-Netze bauen. Aber die Telekom hat auch darauf ein Argument: Handys und Netztechnik würden so auch für Voice-Stream billiger, und man gewinne Kooperationsmöglichkeiten beim Ausbau der Infrastruktur. Gegenüber den Großen hat Voice-Stream also einen technischen Vorsprung. Die Frage ist nur, wie lange noch. Denn bis das landesweite Netz steht, muss die Telekom noch hohe Investitionen tätigen - und das in Zeiten äußerst knapper Kassen.

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