Streik der Profis abgewendet
Fünf-Prozent-Regel im englischen Fußball gekippt

Erst haben sie gedroht, sich gegenseitig beschimpft, wollten sich mit Klagen überhäufen und die Arbeit auf dem Rasen verweigern. Doch am Wochenende hatten sich Englands Profikicker und der Ligaverband plötzlich wieder lieb.

fbo LONDON. Nach einem klärenden Gespräch zwischen Gordon Taylor, dem Chef der Spielergewerkschaft PFA, und Richard Scudmore, Vorsitzender der Premier League, war von einem Streik keine Rede mehr. In den Stadien rollte der Ball und auch die Fernsehzuschauer durften aus den Sesseln ihre Helden bejubeln.

Bei dem bizarren Gezerre der teuersten Teilzeitkräfte der Welt mit der Premier League geht es um Geld, viel Geld: Die fürstlich entlohnten britischen Balltreter - alleine beim Spitzenspiel Arsenal gegen Manchester United standen 100 Millionen Mark Jahresgehalt auf dem Platz - forderten die Fortsetzung eines "Gentlemen?s Agreement" zwischen der PFA und der Premier League. Seit 1955 hatte die Premier League stets fünf Prozent der TV-Einnahmen an die Spielergewerkschaft überwiesen, in der vergangenen Saison rund 24,5 Millionen Mark.

Doch seit dem Sommer gelten neue TV-Rechte, die Lizenzgelder sind in gigantische Höhe geschossen. Rund 1,8 Millarden Mark jährlich streichen die 20 Premier-League-Klubs in den kommenden drei Jahren ein. Von einer Fünf-Prozent-Regel und damit rund 91 Millionen Mark an die Gewerkschaft wollten die Klubs plötzlich nichts mehr wissen. Sie boten der PFA zunächst 17 Millionen Mark an und besserten ihr Angebot später auf 55 Millionen nach. "Zu wenig", empörte sich PFA-Chef Taylor, ließ seine Profis über einen Streik abstimmen und erklärte selbstherrlich: "Ab dem 1. Dezember ruht der Ball in allen Stadien mit einer Fernsehkamera."

"Obszön" wetterte das englische Klatschblatt "The Sun". "Überbezahlten Profis" dürfe kein Streik gewährt werden. Auch die konservative "Times" fand die Streikgründe "unhaltbar". Die heftigen Reaktionen sind wenig überraschend: Beide Blätter gehören zum Medienimperium von Rupert Murdoch, der mit seinen Satellitensender Sky Sports und ITV die exklusiven Live-Rechte der Liga teuer eingekauft hat. Ein Streik wäre ein Horrorszenario für die Fernsehplaner, denn angesichts sinkender Einschaltquoten vermutet nicht nur die Zeitung "Guardian", dass "die Sender viel zu viel Geld für die TV-Rechte bezahlt haben. Ein Streik gäbe der Fußballblase den letzten Stich, der sie zum Platzen bringt."

Dabei traten Superstars wie David Beckham oder Michael Owen, die wie alles Mitglieder auch jährlich 75 Pfund Beitrag in die Kasse zahlen, weniger aus perverser Raffgier für den Streik ein. Sie argumentierten eher mit edlen Solidaritätsgedanken. Denn der Beruf des Fußballers, der in England seit über 100 Jahren ausgeübt wird, schließt nicht nur die Stars von Manchester United oder Liverpool ein. Auch Halbprofis aus der fünftklassigen "Non League" sind in der PFA organisiert. Mit den Geldern aus den TV-Einnahmen kümmert sich die PFA um die Ausbildung junger Spieler, organisiert Aktionen gegen Rassismus oder hilft Profis, die in finanzielle Schwierigkeiten sind.

Als die Profiklubs ihren Kickern in der vergangenen Woche im Falle eines Streiks mit Kündigungdrohten, bröckelte die Solidaritätsfront der Spieler jedoch sehr schnell. Gary Rowell, Verteidiger bei Leicester City, fühlte sich von seiner Spielergewerkschaft gar hintergangen und fehlinformiert: "Die PFA hat uns versprochen, dass die Sache rechtlich abgesichert ist. Allerdings haben uns die Klubs dann erklärt, dass wir im Falle eines Streiks das Gesetz brechen und mit hohen Strafen rechnen müssen." Nationaltorwart David James von West Ham United war plötzlich "von Anfang an nicht glücklich über die Gründe des Streiks. Die geforderten fünf Prozent müssten auch an die richtige Adresse zurückfließen."

Eine deutliche Kritik am PFA-Chef Taylor, der schon zum vierten Mal innerhalb von zwölf Jahren die Streikkarte ausgespielt hatte. "Bis zum Tode" wollte er für die fünf Prozent aus den Fernsehrechten kämpfen. Am Ende lächelte er verkrampft in die Kamera und schlug zähneknirschend bei 2,41 Prozent ein, nur wenig über dem schon vor einem Monat vorgelegten Angebot der Premier League.

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