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Streik gegen den Aufschwung

Mit ihrem Streik tut die IG Metall weder dem Aufschwung noch den Arbeitslosen einen Gefallen - und schädigt auch sich selbst.

Der Arbeitskampf in der deutschen Metall- und Elektroindustrie wird zwar kaum zu nachhaltigen Produktionsausfällen führen. Aber er wird die Aufschwungdynamik bremsen und den Beschäftigungsaufbau erschweren. Als die Wirtschaftsforschungsinstitute am 23. April ihr Frühjahrsgutachten vorstellten und ein Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent für dieses Jahr prognostizierten, gingen sie noch davon aus, dass die Tarifverdienste je Stunde im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt in den Jahren 2002 und 2003 mit reichlich 2,5 % nur etwas stärker steigen werden als in den Jahren 2000 und 2001.

Nach dem Tarifabschluss in der Chemischen Industrie und der sich nun im Metalltarifkonflikt abzeichnenden Vier vor dem Komma droht diese Prämisse obsolet zu werden. Denn andere Gewerkschaften, wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, sehen in dem erwarteten hohen Metallabschluss die Messlatte für ihre eigene Verhandlungsstrategie.

Ein hoher Pilotabschluss in der Metall- und Elektroindustrie würde die Lohnstückkosten der deutschen Wirtschaft deutlich über das von den Instituten erwartete Plus von 1,3 % hinaus erhöhen und damit die Wettbewerbskraft der deutschen Wirtschaft schmälern. Vor allem aber wächst die Gefahr, dass hohe Abschlüsse in deutschen Schlüsselbranchen die Lohn-/Preisspirale in Gang setzen und die Europäische Zentralbank ihr Stabilitätsziel von maximal 2 % Inflation gefährdet sieht. Stabilitätswidrige Lohnerhöhungen im Euro-Raum müssen die EZB auf den Plan rufen. Sie wird die Zinsen deshalb früher und stärker als um den von den Forschungsinstituten erwarteten halben Prozentpunkt anheben müssen. Stabilitätswidrige Tarifabschlüsse bremsen das gesamtwirtschaftliche Expansionstempo und den Anstieg der Beschäftigung. Denn Lohnsteigerungen, die über den Produktivitätszuwachs - der Sachverständigenrat geht für dieses Jahr von 1,8 % aus - hinausgehen, wirken wie eine Rationalisierungspeitsche. Arbeit wird dann in noch stärkerem Umfang durch Maschinen ersetzt oder ins kostengünstigere Ausland verlagert.

Die Wende auf dem Arbeitsmarkt dürfte nun erst spät in diesem Jahr kommen, wenn nicht erst im Jahre 2003. Im Durchschnitt dieses Jahres dürfte die Zahl der Erwerbstätigen um deutlich mehr als 100 000 Stellen zurückgehen.

Für eine Gruppe kämpft die IG Metall auf keinen Fall: für die Arbeitslosen. Sie erhalten nur bei einer moderaten Lohnpolitik neue Beschäftigungschancen. Sollen auch Arbeitslose von dem Produktivitätsfortschritt partizipieren, müssen die realen Lohnsteigerungen hinter der Produktivitätszunahme zurückbleiben.

Man kann es drehen und wenden wie man will, die IG Metall führt mit ihrem Streik zur Durchsetzung ihrer Lohnforderungen von 6,5 % einen Arbeitskampf wider alle ökonomische Vernunft. Zu den vielen Verlierern wird sie auch selbst zählen. Die IG Metall treibt mit ihrer Politik die Unternehmen aus den Arbeitgeberverbänden heraus in die betriebliche Lohnfindung. Das schwächt aber nicht nur die Arbeitgeberverbände, sondern auch die Gewerkschaften.

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