Streikvorbereitungen im Handel und im Baugewerbe
Verdi und IG Bau vom Metall-Tarifabschluss wenig beeindruckt

Fünf Wochen nach dem Tarifabschluss der Chemie-Industrie ist ein Ende des Konflikts in der Metall- und Elektroindustrie in Sicht. Auch Vorbehalte in Ostdeutschland stellen eine bundesweite Übernahme der in Baden-Württemberg erzielten Einigung inzwischen kaum noch in Frage. Diese sieht für die Zeit bis Ende 2003 Lohnerhöhungen in zwei Stufen von 4,0 und 3,1 % vor.

dc DÜSSELDORF. Allerdings gibt es bisher kaum Anzeichen, dass diese Einigung die Lösung der Tarifkonflikte der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der IG Bauen-Agrar-Umwelt erleichtern könnte. Beide bekräftigten vielmehr ihre Bereitschaft zum Arbeitskampf. Verdi verhandelt unter anderem für gut drei Millionen Beschäftigte des Handels und für 220 000 Beschäftigte der Druckindustrie. Auch die von Verdi geführten Verhandlungen bei Banken und Versicherungen sowie bei den nicht an Branchentarifverträge gebundenen Unternehmen Deutsche Post und Deutsche Telekom dauern noch an. Die Ausgangsforderungen entsprechen mit fast durchweg 6,5 % der ursprünglichen Lohnforderung der IG Metall.

Während in der Druckindustrie bereits mehrere Verhandlungsrunden mit Warnstreiks begleitet wurden und vor dem nächsten Termin am morgigen Mittwoch mit weiteren Aktionen zu rechnen ist, leitet Verdi im Einzelhandel gerade die Streikvorbereitungen ein. Verdi hatte die Gespräche mit den Handelsverbänden BAG und HDE vergangene Woche in mehreren Bezirken für gescheitert erklärt. Deren erstes Angebot - 1,7 % mehr Lohn für 2002, ein Inflationsausgleich für 2003 - sei nicht verhandelbar. In Nordrhein-Westfalen beschloss die Verdi-Tarifkommission am Freitag, die Basis zur Urabstimmung über Streiks aufzurufen.

Die Streikpraxis im Handel ist allerdings nicht auf Flächenstreiks angelegt, sondern auf begrenzte Aktionen mit örtlichen Schwerpunkten - auch weil die Organisationsmacht nicht mit der der IG Metall in der Metallindustrie vergleichbar ist. "Wir werden bei unserer Strategie bleiben", kündigte Verdi-Sprecher Folkert Küpers an. Anders als bei Metall reißt zudem im Handel der Gesprächsfaden zwischen den Tarifparteien bei Streiks kaum ab, da die Verhandlungen nicht auf eine Pilotregion fokussiert sind, sondern in vielen Bezirken parallel laufen.

Die IG Bau, die für die 950 000 Beschäftigten der gebeutelten Bauwirtschaft 4,5 % höhere Löhne fordert, zeigte sich von Hinweisen auf ein erstes Lohn-Angebot der Arbeitgeber wenig beeindruckt. "Äußerungen der Arbeitgeber gab es schon viele - trotzdem haben wir drei Monate lang ohne Angebot verhandelt", sagte IG-Bau-Sprecher Michael Knoche. "Wir wären realitätsfern, wenn wir uns nicht auf ein Scheitern der Schlichtung vorbereiten würden."

Die Schlichtungsgespräche unter Leitung des CDU-Politikers Heiner Geißler gehen heute weiter, sie laufen bis zum 29. Mai. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes hatte am Freitag Bereitschaft signalisiert, auf die IG Bau zuzugehen. Man habe den "festen Willen", bis Ende Mai eine Einigung zu erzielen, so ZDB-Präsident Arndt Frauenrath. Während der Schlichtung gilt in dem Tarifstreit Friedenspflicht. Die IG Bau droht allerdings weiter mit Streiks in Betrieben, die nicht unter den Flächentarifvertrag fallen. Einig sind beide Seiten, dass weder der Metall- noch der Chemie-Abschluss ein Vorbild für sie sei. In der Chemie-Industrie steigen die Löhne bei einjähriger Laufzeit um rund 3,3 %.

In der Metallindustrie hatte es zunächst Irritationen gegeben, nachdem nicht nur die IG Metall Nachverhandlungen für Berlin-Brandenburg verlangte. Zudem sperrten sich auf Arbeitgeberseite die Bezirke Sachsen und Sachsen-Anhalt gegen eine Übernahme des in Baden-Württemberg erzielten Abschlusses. In Berlin-Brandenburg einigten sich die regionalen Unterhändler jedoch schon am Samstag auf eine Kompromissformel. Auch die Arbeitgebervertreter der anderen beiden Bezirken lassen erkennen, dass sie den Kern der vorliegenden Einigung wohl nicht mehr zur Disposition stellen. Die sächsischen Arbeitgeber wollten durch eine aktive Rolle bei den Gesprächen zur Übertragung des Südwest-Abschlusses zeigen, dass sie "die tarifpolitischen Rituale der alten Bundesrepublik nicht unbesehen übernehmen", sagte ihr Sprecher Frank Möhrer.

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