Streit über flexiblere Gehälter bleibt Knackpunkt des Tarifkonflikts
Banken drohen mit Ausstieg aus Flächentarif

Erstmals nach 13 Wochen Stillstand loten die Bank-Tarifparteien wieder Einigungswege aus. Die Branchenflaute macht Gespräche über flexiblere Gehaltsstrukturen aber nicht leichter. Deutsche- Bank-Personalvorstand von Heydebreck warnt: "Auch Institute unserer Größenordnung könnten den Flächentarif verlassen."

dc FRANKFURT/M. Das wirtschaftliche Umfeld der deutschen Banken hat sich zwar seit Beginn der laufenden Tarifrunde drastisch verschlechtert, doch ein Abschluss der Ende April aufgenommenen Verhandlungen ist noch immer nicht in Sicht. Die Vertreter der Gewerkschaft Verdi und des Bank-Arbeitgeberverbandes wollen deshalb in diesen Tagen zunächst auf Arbeitskreisebene ausloten, ob es im Ringen um die Arbeitgeberforderung nach flexibleren Gehaltsstrukturen eine Basis für neue Verhandlungen gibt.

"Ich kann die Gewerkschaft nicht verstehen: Die Zeit läuft nicht für sie", sagte Arbeitgeber-Verhandlungsführer und Deutsche-Bank- Personalvorstand Tessen von Heydebreck dem Handelsblatt. "Auch Institute unserer Größenordnung könnten sich - wie schon eine ganze Reihe kleinerer Institute - aus dem Arbeitgeberverband verabschieden, falls die Anpassung des Tarifvertrags an die zunehmenden Zwänge des Marktes nicht gelingt", betonte er. "Was wir jetzt brauchen, ist eine überzeugende Antwort auf die gewaltigen Herausforderungen einer Branche."

Sicher ist: Am Ende des zeitweilig von massiven Streikaktionen der Gewerkschaft Verdi begleiteten Konflikts wird der Tarifabschluss für deutlich weniger Beschäftigte gelten als geplant. Zu Jahresbeginn hatten die Arbeitgeber in der Tarifgemeinschaft für private Banken, Landes-, Genossenschaftsbanken und freie Sparkassen noch 460 000 Beschäftigte. Seither hat sich allein bei den vier großen Privat-Instituten die Zahl der (weltweit) gestrichenen Stellen auf 40 000 vervierfacht.

Verdis Gehaltsforderung von 6,5 % setzen die Arbeitgeber diesmal zäh ihre eigene Agenda für ein flexibleres Tarifrecht entgegen. Zunächst war das dominierende Argument der Wettbewerb um das neue Geschäftsfeld der Riester- Rente, wo die Versicherungswirtschaft mit einem seit jeher stark leistungsabhängig bezahlten Vertriebspersonal operiert. Mittlerweile steht schlicht die stark eingetrübte Branchenentwicklung im Vordergrund. Am Streit über das von Verdi bekämpfte Ziel einer mehr an Leistung und Geschäftserfolg orientierten Bezahlung waren die Tarifverhandlungen im Juni geplatzt.

Was ursprünglich auf Gewerkschaftsseite für Empörung sorgte, bereitet inzwischen eher den Arbeitgebern Unbehagen: Auf Basis einer Empfehlung des Verbandes haben die Banken die Gehälter ihrer Beschäftigten bereits im Juli einseitig und ohne Tarifvertrag um 3,1 % erhöht - für Verdi damals ein grober Affront. Allerdings ist damit faktisch zugleich ein Mindestniveau für den Tarifabschluss gesetzt. "Aus heutiger Sicht sind 3,1 % auf Grund der derzeitigen Lage im Bankgewerbe eindeutig zu viel", räumt von Heydebreck inzwischen ein. "Eine solche Empfehlung würden wir nicht noch einmal abgeben." Seither hat etwa der Handel Tarifabschlüsse im Volumen von klar unter 3 % erzielt.

Verdi rückt inzwischen vorsichtig von der harten (Arbeits-)Kampflinie im Tarifstreit ab: Seit Mitte September hat ihr Verhandlungsführer Hinrich Feddersen in den eigenen Reihen Rückendeckung für Gespräche über eine begrenzte Variabilisierung der Gehälter; die Drohung mit "Ultimo-Streiks" ist ausgesetzt. Trotzdem ist völlig offen, ob es nach den Vorgesprächen dieser Tage zu neuen Verhandlungen oder gar einer Lösung kommt. Die Arbeitgeber wollen zwar nicht mehr auf ihrem Ausgangskonzept beharren, wonach Vertriebsmitarbeiter die Option erhalten sollten, bis zu 35 % ihres Gehalts in variable Vergütungselemente umzuwidmen. Je nach individueller Leistung und Geschäftsentwicklung hätte das Gehalt dann in einer Spanne von 65 % bis 137 % des bisherigen Niveaus schwanken können. In jedem Fall aber müsse es für einen signifikanten Teil der Beschäftigten sowie ihr jeweiliges Gehalts mehr Variabilität geben, betont von Heydebreck.

Nach bisheriger Arbeitgeber-Lesart zählen etwa die Hälfte aller 460 000 Bankbeschäftigten zum Vertrieb. Verdi pocht dagegen auf eine "enge Abgrenzung". Ein neuer Anlauf zur Lösung könnte nun offenbar so aussehen: Man knüpft die Option größerer Flexibilität nicht an die Vertriebstätigkeit, sondern versieht einfach die oberen der insgesamt neun Gehaltsgruppen im Bank-Tarifvertrag damit. Dann wären zwar nicht allein Vertriebsmitarbeiter betroffen, gleichzeitig aber wäre für Verdi gesichert, dass geringere Verdienste vor jeglichen Einbußen geschützt bleiben. Nach den oberen Tarifgruppen im Tarifvertrag werden derzeit gut 40 % aller Bankbeschäftigten bezahlt - je nach Berufsalter geht es um jährlich 13 Monatsgehälter zwischen rund 2 700 und 3 600 Euro.

Verdi pocht aber darauf, dass das bisherige Tarifniveau generell unangetastet bleibt - allein Teile künftiger Tarifzuwächse dürften in variable Elemente umgewidmet werden. Damit bleibt der Spielraum für eine Annäherung in dem Dauerkonflikt sehr eng. "Wenn Flexibilität bloß Drauflegen bedeuten soll, ist das für uns keine Lösung", betont von Heydebreck. "Je länger die Gewerkschaft zögert, desto schwieriger wird es für sie. Für Streikaufrufe hätten derzeit weder die Öffentlichkeit noch die Mitarbeiter Verständnis."

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