Streit über Irak-Politik
Zweites TV-Duell mit mehr Pepp

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) hoffen auf einen klaren Ausgang der Bundestagswahl am 22. September. In der Livesendung von ARD und ZDF betonten beide ihre unterschiedlichen Positionen im Irak-Konflikt sowie in der Arbeitsmarkt-, Steuer- und Bildungspolitik .

ddp/rtr BERLIN. Schröder bekannte sich ausdrücklich zu einer Fortsetzung der rot-grünen Koalition. Alles andere sei "Wunschdenken", sagte der Kanzler auch mit Blick auf eine Koalition mit der FDP. Eine mögliche Zusammenarbeit mit der PDS nach der Bundestagswahl erteilte der Kanzler eine klare Absage. Stoiber warb erneut um Zustimmung für die Union und schloss eine große Koalition mit den Worten aus, eine solche Konstellation bedeute nur gesellschaftlichen "Stillstand".

Beim umstrittenen Thema Irak lehnten sowohl Schröder als auch Stoiber einen Alleingang der USA ab. Anders als Bundeskanzler Schröder wolle er aber auch nicht, dass die Drohkulisse gegen den Irak aufgebrochen werde, fügte der CSU-Chef hinzu. Schröder verteidigte hingegen sein klares Nein zu einem Irak-Krieg. Er räumte ein, dass es offenbar Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und Deutschland in dieser wichtigen Frage gebe. Dies gefährde jedoch nicht die Freundschaft, "weder zwischen den handelnden Personen noch zwischen den Völkern".

Stoiber strich ferner die Bedeutung der Arbeitsmarktpolitik heraus. Der CSU-Chef sagte, er habe in zahlreichen Veranstaltungen und Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass das zentrale Problem für viele Menschen in der Bundesrepublik die Arbeitslosigkeit sei. Schröder hielt dem entgegen, die gegenwärtige Schwäche auf dem deutschen Arbeitsmarkt liege in weltwirtschaftlichen Faktoren begründet.

Zukunft von Schäuble lässt Stoiber offen

Weitere Themen der von Sabine Christiansen (ARD) und Maybrit Illner (ZDF) moderierten Sendung waren Innere Sicherheit und die mögliche Besetzung von Ministerposten. Schröder wies Vorwürfe zurück, sein Kabinett so oft wie kein anderer Regierungschef bisher umgebildet zu haben. Die Demissionen von Ministern hätten sehr unterschiedliche Gründe, betonte er. Stoiber machte deutlich, dass CDU-Wirtschaftsexperte Lothar Späth im Falle eines Wahlsieges der Union "selbstverständlich" Arbeits- und Wirtschaftsminister werde. Die Zukunft des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble ließ Stoiber offen.

Der bayerische Ministerpräsident sprach sich für schärfere Sicherheitsgesetze aus. Nötig sei auch, endlich Fingerabdrücke in Pässe und Visa aufzunehmen. Dazu sagte Schröder, für die Aufnahme biometrischer Daten in solche Dokumente müsse es eine europäische Regelung geben.

Das erste Duell am 25. August bei den Privatsendern RTL und Sat.1 hatten durchschnittlich mehr als 15 Millionen Zuschauer verfolgt. Die damals vereinbarten Regeln wurden auch beim zweiten Fernsehduell beibehalten.

Wer hat Sie im TV-Duell überzeugt?  Stimmen Sie ab...

Immer wieder kam es zu solchen Szenen: "Wir sollten auf einem gewissen Diskussionsniveau bleiben", stichelte Schröder, als sich sein Widersacher verhaspelte. Häufig spielte ein amüsiertes Lächeln um die Lippen des Kanzlers, wenn Stoiber sprach. "Dass sich hier jemand aus München gleichsam als Robin Hood aufspielt", drechselte Schröder eine Humoreske als Antwort auf Stoibers Vorwurf, Rot-Grün habe die Großunternehmen steuerlich bevorteilt.

Einmal zeigte er sich vermeintlich hilfsbereit, als er "630" einwarf, während Stoiber irrtümlich von "36-Mark-Gesetz" sprach. Doch auch dem Herausforderer gelang ab und zu eine hintersinnige Formulierung, etwa als er Schröders Minister als "Schattenkabinett" bezeichnete. Schröder konterte mit einem leichten Seitenhieb auf Stoibers "Kompetenzteam": "Sie diskutieren hier über ein Kabinett, dass das Licht der Welt nicht erblicken wird."

Konfrontation und Rhetorik: Das war es wohl, was viele Zuschauer beim ersten Duell vermisst hatten, als der Kanzler auch nach Einschätzung seiner Berater verhalten wirkte. Der Kanzler, ein versierter Wahlkämpfer, setzt auf Last-Minute-Erfolg - erst zwei Wochen vor der Wahl spielt er sein ganzes Mediengeschick aus, erst zwei Wochen vor dem 22. September liegt die SPD nach monatelangem Rückstand gleichauf mit der Union.

Doch so sehr das Duell besser gewürzt war, die Zutaten blieben ähnlich. Inhaltlich zeigten sich wenige Unterschiede und kaum Neuigkeiten. Schröder lehnte einen Militärschlag gegen den Irak erneut kategorisch ab und bezweifelte, dass die Vereinten Nationen ein Mandat dafür erteilen würden. Stoiber stellte klar, dass auch eine Bundesregierung unter seiner Führung nicht in den Krieg ziehen wolle: "Es darf und wird mit uns keine Unterstützung eines Alleinganges geben."

Ein komisches Spektakel

Wenn thematische Unterschiede gering sind, gewinnen oberflächliche Details ihre eigene Symbolik. Sind Kanzler und Kandidat so austauschbar wie ihre Krawatten - beide trugen rot Modelle mit Querstreifen? Oder lässt sich an der Wahl der Dienstlimousine eine versöhnliche Geste des Auto-Kanzlers ablesen? Schröder und seine Begleiter fuhren in zwei dunklen 7er BMWs vor, der Hausmarke seines Herausforderers.

Beide Lager wollen das Duell nicht als allentscheidendes Showdown gewertet wissen, so knapp die Umfragezahlen derzeit auch sind. SPD-Generalsekretär Franz Müntefering nannte es "einen wichtigen Baustein", sein CDU-Amtskollege Laurenz Meyer sprach von einer "Diskussion".

"Deutschland ist ein großartiges Land mit großartigen Menschen", sagte Stoiber in seinem Schlusswort. "Die Kraft zu Gemeinsinn", die das Hochwasser gebracht habe, beschwor Schröder in seinen letzten Sätzen des Duells. Am Ende ging es wohl vor allem um Unterhaltung. Passend war denn auch der Auftritt von Helmut Zerlett, im Hauptberuf Orchesterchef bei der "Harald Schmidt Show", der wie ein Fernsehjournalist mit zwei Kameramännern im Schlepptau die Veranstaltung als komisches Spektakel festhielt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%