Streit um das Betäubungsgas
Geiseln gerettet oder getötet?

Das Geiseldrama von Moskau hat einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Eine geschockte Öffentlichkeit erfuhr, dass die Spezialeinheiten der Polizei bei ihrem Sturm auf das Theatergebäude an der Dubrowka ein Gas eingesetzt hatten, durch das mindestens 115 Geiseln starben.

HB/dpa MOSKAU. 45 der mehr als 700 befreiten Geiseln rangen am Montag immer noch mit dem Tod. Und durch die Kugeln der Terroristen waren in den letzten Minuten des Dramas am Samstag lediglich zwei Geiseln ums Leben gekommen.

"Überdosis", titelte am Montag die Zeitung "Kommersant" mit übergroßen Lettern und schob die Schuld am Tod der Geiseln gleich dem Inlandsgeheimdienst FSB in die Schuhe. Es sei nicht auszuschließen, dass die Geiseln "einem Experiment im Rahmen des internationalen Kampfes gegen den Terrorismus" zum Opfer gefallen seien. Doch Konkretes konnte das Blatt wie auch die gesamte russische Presse nicht bieten.

Das bei dem Einsatz verwendete Produkt aus den Giftküchen Russlands wurde von offizieller Seite weiter streng geheim gehalten. Der Toxikologe Lew Fjodorow vermutete, dass ein so genanntes Lähmungsgas in den Konzertsaal gepumpt worden sei, dass in einer normalen Dosierung "völlig ungefährlich" sei. Die Wissenschaftler, die dieses Gas entwickelt hatten, seien dafür 1991 mit dem Lenin- Preis ausgezeichnet worden. "Und am Samstag waren wir Zeugen des eigentlich ersten Gefechtseinsatzes dieses Gases."

Der Hamburger Bio- und Chemiewaffenexperte Jan van Aken hielt es für wahrscheinlich, dass in Moskau ein Narkosegas aus militärischer Produktion verwendet wurde. "Es spricht einiges dafür, dass kein Narkosegas von der Stange eingesetzt wurde", sagte er der dpa. Auch die Geheimhaltung sah er als Indiz für ein Mittel aus militärischer Produktion.

Die Zeitung "Komsomolskaja Prawda" spekulierte, dass die Polizei ein Gas mit der Code-Bezeichnung "Kolokol" (Glocke) benutzt wurde. Das Mittel wirke bereits nach drei Sekunden und führe zu einer bis zu sechs Stunden dauernden Bewusstlosigkeit. Dieses Gas könne unter bestimmten gesundheitlichen Voraussetzungen bei Menschen "sogar zum Tod führen".

Toxikologen der Universität Moskau meinten der Internet-Zeitung "gazeta.ru" zufolge, dass ein Narkosegas eingesetzt worden sei, das bei falscher Anwendung zum Tod "wie bei einer Überdosis Heroin" führen. Zur Untermauerung dieser Theorie berichtete "gazeta.ru", dass Mediziner in den Moskauer Kliniken am Tag vor der Erstürmung des Theaters von unbekannten "Ärzten in Zivil" angewiesen worden seien, ihre Bestände an Naloxon und Nalorphin aufzustocken. Beide Präparate werden als Gegenmittel bei Heroin-Überdosen und zur Neutralisierung von Opiaten genutzt. Auch Experten des Pentagon vermuten daher dem US-Nachrichtensender CNN zufolge ein Gas mit zumindest Opiat- ähnlichen Stoffen.

Der Münchner Toxikologe Prof. Thomas Zilker, der die beiden deutschen Geiseln behandelt, hielt am Montag ein Narkosegas in Form chlorierter Kohlenwasserstoffe für möglich. Dabei soll es sich seiner Auffassung zufolge um eine Chloroform-ähnliche Substanz handeln. Ein Problem bei solchen Narkosegasen sei, dass sie zu einer Atemlähmung führen könnten. Das zuvor als Möglichkeit in Betracht gezogene Lachgas scheine dagegen weniger wahrscheinlich, sagte Zilker.

Einig waren sich Experten und Medien lediglich darin, dass bei dem Sturmeinsatz zur Befreiung der Geiseln etwas fürchterlich falsch gelaufen war. Nach Fjodorows Meinung hätten viele der Opfer gerettet werden können, wäre ihnen noch im Konzertsaal ein Gegenmittel gespritzt worden. "Ich fürchte, dass der Tod der Geiseln auf dem Gewissen der Militär-Toxikologen bleibt, die die Erstürmung nicht sorgfältig vorbereitet haben." Darüber hinaus meinte "gazeta.ru", dass viele der Opfer noch vor dem Theatergebäude falsch behandelt worden seien. "Vermutlich waren viele von ihnen schon tot, als die Krankenwagen und Busse an den Kliniken eintrafen", hieß es. "Dem einen ein ruhiger Schlaf, dem anderen die ewige Ruhe", resümierte die "Komsomolskaja Prawda".

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