Streit um Denkmalschutz geht weiter
Bund verkauft erste Wohnblöcke in Prora auf Rügen

Jahrelang stritten sich Politik, Umwelt- und Denkmalschutz um die Zukunft von Rügens wohl bekanntester Immobilie. Nun steht in Prora wenigstens eines fest: Zumindest zwei der fünf je 500 Metern langen gigantischen Häuser des einstigen Kraft-durch-Freude-Seebades (KdF) der Nationalsozialisten sollen künftig Wohnzwecken dienen.

ddp PRORA. Am Dienstag setzten Vertreter der "EUROMAR - Leben am Meer Ostseebad Binz" ihre Unterschriften unter den mit dem Bundesvermögensamt in Rostock ausgehandelten Kaufvertrag. Die Gesellschaft war aus der Bau-Consult-Firmengruppe hervorgegangen. Ihr gehören Investoren aus Hamburg und Köln an, die sich Monate zuvor getrennt um die Wohnblöcke beworben hatten. Die Kaufsumme wurde offiziell nicht genannt, doch Presseberichten zufolge soll sie um die zehn Mill. Mark liegen.

Dieter Reinhardt, parteiloser Bürgermeister im benachbarten Ostseebad Binz, zu dem die Liegenschaft gehört, gab sich am Dienstag zufrieden: Endlich gebe es eine Entscheidung für den "Koloss von Rügen", sagt er. Noch im Herbst sollen die Bauarbeiten in 20 Treppenhäusern der sechsgeschossigen Gebäudekomplexe beginnen. Die vergleichsweise noch gut erhalten gebliebenen Blöcke 1 und 2 im Süden des viereinhalb Kilometer langen Baus, wo zu DDR-Zeiten unter anderem ein Armee-Hotel betrieben wurde und sich noch bis Ende dieses Jahres eine Jugendherberge befindet, werden umgebaut.

Aus den einst zweieinhalb mal fünf Meter großen Zimmern, in denen in den 30er Jahren insgesamt bis zu 20.000 "Volksgenossen" für jeweils zehn Tage ihren Urlaub verbringen sollten, sollen komfortable Ein- bis Fünfzimmerwohnungen entstehen - 450 Eigentums- und 90 Sozialwohnungen. Angesichts der idealen Lage direkt am breiten Sandstrand der Ostsee dürften die neuen Immobilien schon jetzt äußerst begehrt sein, vermutet Bürgermeister Reinhardt. Allein in Binz gebe es 200 Wohnungssuchende, insgesamt lägen 280 Anträge vor. Prora werde jetzt schrittweise erschlossen. In wenigen Wochen zum Beispiel werde eine mit EU-Hilfe sanierte, durchgehende Straße mit Radwegen übergeben.

Doch die Zukunft von Prora insgesamt ist so unklar wie zuvor. Fest steht nur, dass mit dem vom Bund betriebenen scheibchenweisen Verkauf der Superimmobilie im Landschaftsschutzgebiet der von Denkmalschützern geforderte Gesamterhalt unter einem Dach gescheitert ist. Von den fünf Investorengruppen, die sich vor Jahren um eine komplexe Übernahme von Prora bemüht hatten, stand zuletzt angesichts der Auflagen nicht einer mehr zur Verfügung. Für Block 3, den derzeit über 100 gewerbliche Mieter, darunter mehrere Museen, mit insgesamt rund 2.000 Beschäftigten nutzen, sind einzelne Kaufanträge ebenso gestellt wie für den Nachbarblock 4. Doch kulturelle Einrichtungen wie Deutschlands größte Grafikausstellung, das Prora-Museum oder eine Ausstellung zur einstigen Nutzung durch die NVA sind trotz des anhaltend großen Tourismusansturms kaum in der Lage, die riesigen Bauten zu betreiben, geschweige denn zu erwerben. Auch das Projekt einer maritimen Kinder- und Jugendeinrichtung im teilweise zerstörten Block 5 blieb bisher nur kühne Vision.

Weil Förderanträge vom Land Mecklenburg-Vorpommern bislang abgelehnt wurden, blieben auch zukunftsweisende Ideen in den Schubladen. Das Vorhaben einer internationalen Ostseeakademie scheiterte ebenso wie eine großzügige Ausstellung zu den zahlreichen Wrackfunden vor der ostdeutschen Küste. Verstimmt gibt sich auch die Stiftung Neue Kultur in Berlin, die sich seit Jahren um eine wissenschaftliche Aufarbeitung des mythenbelasteten Architekturtorsos am Ostseestrand bemüht.

Investitionen von 800 Millionen Mark notwendig

Deren Vorstellungen zufolge sollte in Prora ein rund 1.000 Quadratmeter großes Dokumentationszentrum entstehen, das den so genannten schönen Schein des NS-Regimes entlarven und die wirklichen Ziele im Hitler-Deutschland aufdecken sollte. Zu den gezeigten Komplexen könnten die Geschichte Proras, die KdF-Bewegung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und des 1945 gesunkenen KdF-Schiffs "Gustloff" ebenso gehören wie Themenabschnitte zur damaligen "Volksgemeinschaft", zum Autobahnbau oder zum "Volkswagen".

Inoffiziellen Schätzungen zufolge werden in Prora Investitionen in Höhe von bis zu 800 Mill. Mark benötigt. Allein jeder der fünf bestehenden Blöcke dürfte 40 bis 60 Mill. Sanierungsmittel verschlingen, meint Reinhardt. Der inzwischen verworfene Abriss der unter Denkmalschutz stehenden Massivbauten hätte jeweils bis zu 90 Mill. Mark gekostet und viele Jahre gedauert. Unklar ist bislang auch, was aus den Resten der ehemaligen Kopfbauten, den einstigen Hafenanlagen und der nur notdürftig gesicherten Pfeilerhalle am geplanten Festplatz geschehen soll.

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