Streit um „deutsche Lösung“ bei Kirch
Kommentar: Pokern in L.A.

Leo Kirch kann sich vor falschen Freunden kaum noch retten. Früher galt er in den Reihen von SPD und Grünen als gerissener Filmhändler oder gar katholisch-konservativer Medienzar, engstens mit Landesregierung und Bundeskanzleramt verbandelt.

Doch die drohende Pleite macht ihn und seinen Medienkonzern offenbar zu einer Art Nationalheiligtum. Während die Banken angesichts des Finanzchaos die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, fordern Medienpolitiker aus den Reihen der Regierungsparteien unverhohlen eine "deutsche Lösung" für die Kirch-Gruppe: Ausländer vom Schlag eines Rupert Murdoch sollen bitteschön draußen bleiben. Die Hysterie steigert sich von Tag zu Tag. Mittlerweile wird sogar über eine staatliche Hilfe aus dem Milliardentopf aus der Versteigerung der UMTS-Mobilfunklizenzen gestritten. Staatsgelder fürs Privatfernsehen? Eine absurde Idee.

Die Zeit für eine Rettung des hoch verschuldeten Imperiums aus Fernsehsendern, Filmproduktion, Sportrechtehandel und Zeitungsbeteiligungen von Leo Kirch wird knapp. Eines ist sicher: Ohne Rupert Murdoch und andere ausländische Investoren wird die Kirch-Gruppe nicht überleben. Der australisch-amerikanische Medienunternehmer hält über eine 1,7 Milliarden Euro schwere Forderung angesichts nicht erreichter Unternehmensziele beim Bezahlfernsehen Premiere seinen ungeliebten Münchener Partner im Würgegriff. Ende dieser Woche pilgern nun die Gläubigerbanken nach Los Angeles, um mit den ausländischen Kirch-Partnern um die Macht zu pokern. Murdoch ante portas.

Eine Abschottung des deutschen Fernsehmarktes wäre ein gefährliches Spiel. Der zweitgrößte Medienmarkt der Welt braucht angesichts des hohen Kapitalbedarfs und des zuletzt auch von Kirch unterschätzten Risikos ausländische Investoren. So wie Branchen wie Auto, Chemie und Energie längst internationalisiert sind, werden sich auch Medienmärkte in Europa künftig noch stärker öffnen - ohne dass dabei Sodom und Gomorrha in den Wohnzimmern Einzug halten. Schon jetzt funktionieren in Deutschland beispielsweise Beteiligungen amerikanischer Medienkonzerne wie Disney bei Super RTL oder AOL Time Warner bei Viva reibungslos.

Nachdem der langjährige Kirch-Partner Silvio Berlusconi einer starken Beteiligung eine Absage erteilt hat, konzentrieren sich nun die nationalen Ängste auf Rupert Murdoch. Kein Zweifel, der 71-Jährige ist ein politisch unberechenbarer und geschäftlich rücksichtsloser Zeitgenosse. Sein gnadenloses Bekenntnis zum Massengeschmack fördert alles andere als die Qualität der großen Unterhaltungsmaschine Fernsehen. Doch anders als in Großbritannien gibt es in Deutschland einen funktionierenden Wettbewerb aus drei großen Wettbewerbern. RTL und ARD/ZDF dominieren den Markt und nicht Sat 1 und Pro Sieben. Eine eigene, starke Fernsehkultur setzt einer McDonaldisierung klare Grenzen. Zudem sind Verhältnisse wie in Italien, wo Silvio Berlusconi als Ministerpräsident und Unternehmer 90 Prozent der wichtigsten Medien kontrolliert, hier zu Lande nicht einmal theoretisch möglich.

Wer auch immer bei der Kirch-Gruppe nach ihrer Sanierung das Sagen haben wird, die neuen starken Player bewegen sich in einem engen medienrechtlichen Korsett. Die Landesmedienanstalten als Kontrolleure haben seit der Privatisierung des Fernsehens Mitte der achtziger Jahren dafür gesorgt, dass in Deutschland die vielfältigste und vielleicht auch interessanteste Fernsehlandschaft in Europa entstehen konnte. Noch ist nicht entschieden, wie der saudische Prinz Al-Waleed, amerikanische Filmstudios, Berlusconi oder Murdoch zu einer gemeinsamen Lösung mit Banken kommen. Eine Rettung des Kirch-Konzerns durch Partner und Gläubiger ist nicht nur im Interesse der annähernd 10 000 Mitarbeiter, sondern auch des deutschen Medienmarktes. Falsche Freunde helfen bei der Suche nach einem Ausweg aus der Existenzkrise der Kirch-Gruppe nicht.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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