Streit um die geplante Zentralvermarktung der Liga und der DHB-Auswahl: Der Handball verkauft sich unter Wert

Streit um die geplante Zentralvermarktung der Liga und der DHB-Auswahl
Der Handball verkauft sich unter Wert

Am Donnerstag beginnt in Schweden die Handball-EM der Herren. Die Tatsache, dass der Trikotvermarkter der Nationalmannschaft - über Umwege - nun gleichzeitig Sponsor wird, zeigt, wie schwer sich die Sportart mit der Vermarktung tut.

Vor drei Wochen erhielt die Bremer Etib-Unternehmensgruppe einen Anruf von der Sportagentur MPS aus Stuttgart. Ob man Interesse hätte, bei der Handball-EM als Trikotsponsor der Nationalmannschaft aufzutreten. Der mittelständische Handwerksbetrieb, bisher vor allem Sponsor beim Radball, sagte zu. Seitdem ziert das Firmenlogo des 170-Mann-Unternehmens Hose und Rücken der deutschen Spieler. Der Vertrag gelte zunächst nur für die EM, so Nils Leonhard, bei der Etib für Marketing zuständig. Über die Höhe des Engagements sei mit dem Verband "absolutes Stillschweigen" vereinbart worden.

Wohl aus gutem Grund, jedenfalls aus Sicht des Deutschen Handball-Bundes (DHB). Die Nationalmannschaft gilt dort zwar als Aushängeschild und die EM in Schweden als das Ereignis des Jahres. Dennoch war bis Anfang dieser Woche noch immer kein Sponsor für das eigentliche Filetstück, die Trikotbrust, gefunden. Für den Supercup war noch kurzfristig und dementsprechend günstig die Firma "Automeister" eingesprungen, danach war die Brust wieder blank. Doch nun wurde Abhilfe geschaffen: "Beim Auftaktspiel gegen Frankreich wird der Name ,Daiss Assekuranz? auf der Brust stehen", sagte Detlev Zenk, Pressesprecher des DHB dem Handelsblatt. Auch dieses Engagement gilt wieder nur für die EM. Alleiniger Gesellschafter der Daiss Assekuranz Versicherungsmakler GmbH aus Freiberg ist laut Creditreform Günter Daiss. Der war bis vor zwei Jahren nebenbei Vizepräsident des Fußball-Zweitligisten Stuttgarter Kickers.

Vermarktungskünste sorgen zumindest für ein Schmunzeln

Der Trikot-Deal wirft ein bezeichnetes Licht auf die Vermarktungskünste im deutschen Handball. Die Trikotrechte am Männerteam hatte der DHB bis Ende Juni 2003 an die Handball Marketing Gesellschaft (HMG) abgegeben. An der HMG hält der Verband 49 Prozent, die restlichen Anteile seit Ende der neunziger Jahre - Tusch! - Günter Daiss. "Die haben sich auf den letzten Drücker selbst gebucht", so die spontane Reaktion eines Insiders.

Klar, dass da kaum größere Summen flossen, angeblich verlangte die HMG zum Schluss zwischen 25 000 und 40 000 Euro. Peanuts. Denn das Deutsche Sportfernsehen (DSF) hat die deutschen Übertragungsrechte der EM gekauft und wird die deutschen Spiele live zeigen. Bei der vergangenen WM in Frankreich sahen nach Senderangaben bis zu 1,7 Millionen Zuschauer das Topspiel Deutschland-Frankreich.

Jürgen Lehmann, seit drei Monaten Geschäftsführer der HMG, findet hingegen, "die Daiss Assekuranz ist ein Werbepartner wie jeder andere auch". Wichtig sei nur, dass der Vertrag "marktgerecht platziert" sei - der Preis also stimme. Er hofft dennoch auf eine gute EM, um so den Marktwert des Nationalteams weiter zu steigern, laut Handball-Magazin am liebsten auf eine Million Mark pro Jahr für die Brust.

"Das Nationalteam wird unter Wwert verkauft"

Bisher ist die Branchenmeinung, dass die HMG selbst kaum Kunden geworben habe, sondern froh war, wenn andere Agenturen dies für ein Entgelt taten. "Die HMG hat die Nationalmannschaft bisher unbefriedigend vermarktet", sagte Heinz Jacobsen. Der ist Vorsitzender des Ligaauschusses sowie der Handball-Bundesliga-Vereinigung Männer (HBVM), einer Art Interessensvertretung der 54 Erst- und Zweitligisten. "Das Nationalteam wird unter Wert verkauft." Bisher werden Liga und Nationalmannschaft getrennt vermarktet, dies soll sich aber ab diesem Sommer ändern.

Die Agentur Deutsche Städte-Medien (DSM) plant eine Gesamtvermarktung. Sie will drei Großsponsoren mit unterschiedlich großen Paketen akquirieren, die jeweils mit dem Nationalteam und in der Liga werben. Die drei sollen etwa bei allen Erstligisten insgesamt sechs Werbeflächen erhalten, die restlichen blieben bei den regionalen Sponsoren. "Bisher haben wir aber noch keinen Sponsor gefunden", sagt DSM-Mann Karsten Petry. Sollte bis zum 31. März kein Vollzug gemeldet werden, fallen die Rechte für die kommende Saison wieder an die Klubs.

Ligaverband braucht Geld für Aufbau einer Infrastruktur

Jacobsen sieht zwei wesentliche Gründe für die Zentralvermarktung: "Wir brauchen die entsprechenden Medialeistungen." Die Hauptsponsoren sollen sich auch parallel in der Fernsehwerbung engagieren. Die TV-Rechte bis Ende der Saison 2003 an der Liga hält die SportA. Die Agentur der öffentlich-rechtlichen Sender zahlte 20 Millionen Mark für vier Jahre. Zweitens benötigt der Ligaverband, der als Nachfolgeorganisation der HBVM im Herbst 2002 gegründet und den Profis mehr Eigenständigkeit bringen soll, Geld für den Aufbau einer Infrastruktur. Bisher hat Jacobsen drei Mitstreiter. "Vor allem ein hauptamtlicher Marketingmann fehlt."

Den zwei Hauptgründen stehen auch zwei Hauptprobleme einer zentralen Vermarktung gegenüber: Bisher sind nur 17 der 18 Bundesligisten für die Zentralvermarktung. Der Verein TuSEM Essen, der mit der Deutschen Post und RWE zwei gut zahlende Sponsoren hat, schert aus. Manager Klaus Schorn: "Die Liga braucht frisches Geld, jetzt kriegen wir aber weniger." Ligamann Jacobsen streitet das nicht ab. "Für ein bis zwei Jahre werden die großen Vereine wohl Einbußen haben." Doch komme die Zentralvermarktung mittelfristig allen zu Gute. Zweites Problem sind die Rechte der Nationalmannschaft, die ja noch bei der HMG liegen. Doch Geschäftsführer Lehmann beruhigt: "Wir haben der DSM die Freigabe erteilt, sich um Sponsoren zu bemühen."

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