Streit um die Zünfte
Das Handwerk hat seinen Meister gefunden

Wolfgang Clements Aufweichung der Zunftordnung könnte ein Paradebeispiel dafür sein, wie Interessenverbände überwunden werden.

BERLIN. Dieter Philipp holt tief Luft. "Wenn SPD und Grüne das wirklich machen, dann gibt?s eine knallharte Konfrontation." Die grauen, vollen Haare, von einem Meisterfriseur exakt getrimmt, stehen stramm zum Angriff - wie bei einem Igel, der die Stacheln ausfährt. Hinter der Brille blitzen die Augen kampfeslustig. Der kräftige Schnauzbart vibriert. Das, was den 59-jährigen Handwerkspräsidenten so in Alarmbereitschaft versetzt, ist Wolfgang Clements Plan, im Handwerk die Berufsfreiheit einzuführen.

Der Meisterzwang als Voraussetzung für die Selbstständigkeit soll nur noch für "gefahrgeneigte" Berufe gelten wie den Elektriker oder den Gasinstallateur. Der Minister will die Zunftregel grundlegend verändern - und folgt damit den Vorgaben der EU und der Monopolkommission, die das schon seit Jahren fordern. Die Wettbewerbshüter glauben, dass sich ohne das Kartell viele Tausend tüchtige Gesellen selbstständig machen und so mehr Jobs geschaffen werden.

Heute will die rot-grüne Bundesregierung den Gesetzentwurf des Wirtschaftsministers für eine neue Handwerksordnung verabschieden - und wird damit bei Philipp den Konfrontationsfall auslösen. Denn im Handwerk mit seinen 840 000 Unternehmen und den mehr als fünf Millionen Beschäftigten wird ohne Meisterzwang nichts so bleiben, wie es ist. Plötzlich würden sich für viele Gesellen ganz neue Jobperspektiven ergeben, womöglich purzeln auch die Preise, weil Betriebe ohne teuren Meister Leistungen viel billiger anbieten können. Tatsächlich könnte die Reform der Handwerksordnung der erste Fall werden, in der diese Bundesregierung eine fest gefügte Lobby an die Wand drückt - ein Paradebeispiel.

Der Kölner Gebäudereinigungsunternehmer Frank Thomas, ein Mittdreißiger, der gerne schnelle Autos fährt, das dunkle Haar nach hinten gelt, bunte Hemden trägt und mit der Reinigung von Büros groß geworden ist, fürchtet stellvertretend für viele seiner Meisterkollegen: "Es wird ein gnadenloses Preisdumping geben. Wie ich meinen Leuten dann noch Tarif zahlen soll, weiß ich auch nicht."

In der Chefetage des wuchtigen 30er-Jahre-Quaders, den der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) in der Nähe des Gendarmenmarkts besitzt, koordiniert Hanns-Eberhard Schleyer die Abwehrschlacht. Der 58-jährige schwäbische Jurist, der stets graue Anzüge trägt, ist der nachdenkliche Gegenpol zum quirlig-rheinischen Malermeister Philipp. Seit 13 Jahren ist der Sohn des von RAF-Terroristen ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer Generalsekretär der Handwerksorganisation und damit ihr oberster Lobbyist.

Schleyers vordringlichste Aufgabe in diesen Tagen ist es, mit Politikern aller Couleur in Podiumsdiskussionen, bei Pressekonferenzen und in Hintergrundgesprächen zu reden. Und ihnen Argumente dafür zu liefern, dass der Meisterzwang weitgehend erhalten bleiben soll, nämlich: "dass sich der hohe Qualitätsstandard sonst nicht halten lässt"; "dass die Insolvenzquote im Handwerk vergleichsweise niedrig ist" und dass ohne Meister weniger ausgebildet würde.

Schleyer lehnt sich zurück, legt das Kinn auf die Fingerspitzen. Dann macht er ganz nüchtern sich und seinen Gesprächspartnern klar, dass sein Verband den Kampf eigentlich nur verlieren kann. "Das Thema Handwerksreform ist populär", analysiert Schleyer die Lage und fügt mit einer Art Seufzer hinzu: "leider gegen uns." Jede Schlagzeile über die "Abschaffung des Meisterbriefs" zeigt ihm aufs Neue, wie sehr die SPD mit der Handwerksordnung endlich ein populäres Projekt gefunden hat. Natürlich kennt Schleyer die Vorteile des Gegners: "Weil viele Handwerksmeister CDU wählen, schont Clement die eigene Klientel." Dass der Wirtschaftsminister, solange er noch Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war, den Meisterbrief immer geschützt hat, zeigt, wie sich der Wind gedreht hat. Das Handwerk hat seinen Meister gefunden. Schleyer bleibt eine Hoffnung: "Kaum ein Gesetz ist so aus dem Parlament gekommen, wie es hineinging."

Seine Hauptgegner sind Klaus Brandner, der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, und der handwerkspolitische Sprecher Christian Lange. Für Schleyer und Philipp wurden sie zur Gefahr, als sie die Statistik des ZDH über die Gründungsquote im Handwerk mit eigenen Daten konterten - und so Clements Gesetzesvorschlag unterfütterten.

Kampf um die Union

Derzeit arbeiten die beiden Abgeordneten bereits am übernächsten Schachzug gegen die Handwerkslobby. Die SPD-Politiker drohen damit, die Union komplett aus dem Gesetzgebungsprozess auszubooten, wenn die weiter wie bisher den ZDH unterstützt. Lange will Clements Gesetzespaket aufschnüren und es so neu packen, dass die umstrittenen Teile nicht die Zustimmung des CDU-dominierten Bundesrats brauchen. "Zurzeit wollen wir aber die Union mit ins Boot holen", beteuert Lange. Noch. Das Gesetz umzubauen wäre zwar ein kompliziertes Puzzle für Juristen, aber nach Auffassung der Beamten im Wirtschaftsministerium machbar.

Für Schleyer und Philipp, beide langjährige CDU-Mitglieder, wäre das der Gau. Seit Wochen sind sie regelmäßig zu Gast in der Arbeitsgruppe Handwerk der Unions-Fraktion und haben deren Mitglieder einigermaßen davon überzeugt, sich hinter den CSU-Abgeordneten Ernst Hinsken zu scharen. Der charmante 60-jährige Bäckermeister und Konditor will am Meisterbrief nur das europarechtlich Notwendigste ändern. Den Beweis für den hohen Qualitätsstandard des deutschen Handwerks pflegt er mit Lebkuchen aus dem eigenen Backbetrieb anzutreten. Wirtschaftspolitiker wie Friedrich Merz hingegen zählen zu den handwerkspolitischen Wackelkandidaten der Union.

Philipps Job als einer der Ihren ist es, auf Meisterfeiern und Gesellen-Lossprechungen die Handwerker auf den gemeinsamen Kurs einzuschwören. Ausgestattet mit Aufklebern, die für ein "Ja zum Meisterbrief" werben, sollen Tausende Innungsmeister und Kreishandwerksfunktionäre ihre Abgeordneten bearbeiten.

Doch selbst die Meisterfraktion steht nicht geschlossen hinter der ZDH-Linie. Natürlich überwiegt die Zahl derer, die sagen: "Das ist richtig, wir mussten auch den Großen Befähigungsnachweis für viel Geld ablegen. Warum sollen das Gesellen künftig nicht mehr?" Aber es gibt eben auch jene wie den Inhaber einer Kölner Druckerei, der nicht mit Namen genannt werden will, weil das "Ärger mit der Kammer gibt", und der sagt: "Wichtig ist doch nur, ob ich gute Arbeit leiste, dann kommt der Kunde zu mir, egal ob ich einen Meisterbrief habe oder nicht."

Er führt seit mehr als dreißig Jahren einen eigenen Betrieb, eingeklemmt zwischen einem Autobahnzubringer und einem Gebrauchtwagenhändler. "Auf meinen Lehrling müsste ich ohne Meisterbrief verzichten, aber sonst hätte ich auch ohne Brief alles genauso machen können. Die handwerklichen Fähigkeiten, die darüber entscheiden, ob ich es kann oder nicht, habe ich mir in der Praxis geholt und nicht bei den Meisterlehrgängen."

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