Streit um Fernsehdebatte mit Le Pen
Chirac setzt auf einen doppelten Wahlsieg

Die französische Linke ruft für die Stichwahl am 5. Mai zur Wahl Chiracs auf. Damit ist ein Sieg des amtierenden Staatschefs gegen den Rechtsextremisten Le Pen so gut wie sicher. Doch der Ausgang der Parlamentswahlen im Juni ist noch völlig offen. Die bürgerliche Rechte hat keine klare Strategie.

PARIS. Philippe Méchet ist sich ganz sicher. "Jean-Marie Le Pen bekommt bei der Stichwahl am 5. Mai gegen Jacques Chirac höchstens ein Drittel der Stimmen", sagt der Direktor des renommierten Pariser Meinungsforschungsinstituts Sofres. Vor allem Präsident Chirac dürfte hoffen, dass Méchets Prognose diesmal besser ist als vor dem ersten Wahlgang. Da hatten Méchet und seine Demoskopen-Kollegen nämlich allesamt ein Duell zwischen Chirac und Premierminister Lionel Jospin vorhergesagt - und sich schwer getäuscht.

Selbst wenn Méchet diesmal Recht behält und Chirac mit großer Mehrheit wieder gewählt wird, kommen neue Probleme auf den Neogaullisten zu. Denn ohne einen erneuten Sieg bei den auf die Stichwahl folgenden Parlamentswahlen im Juni würde der Präsident - wie schon in den vergangenen fünf Jahren - zum ohnmächtigen Vorsitzenden einer "Kohabitation", also einer Zwangsehe mit der Linken.

Chiracs erste Pflicht lautet daher, sein eigenes Lager zu einen. Wie die moderate Linke mussten auch die Mitte-rechts-Kandidaten am Sonntag Federn lassen, sagt Meinungsforscher Méchet. "Gegenüber 1995 haben sie 7% verloren." Deshalb ging Chirac am Morgen nach dem sensationellen ersten Wahlgang in die Offensive und legte den langgehegten Plan einer neuen, geeinten Mitte-Rechtspartei vor.

Die Begeisterung im bürgerlichen Lager ist jedoch begrenzt. Zentristen-Chef François Bayrou und der Liberale Alain Madelin lehnten es ab, ihre Parteien UDF und DL mit Chiracs gaullistischer Bewegung RPR zu verschmelzen. Sie wollen ihre politischen Fürstentümer behalten. Nur RPR-Chefin Michèle Alliot-Marie ist - schon von Amts wegen - für eine Präsidentenpartei.

Die Pflicht zur Einigkeit verlangt das französische Wahlsystem. Nach der ersten Runde der Parlamentswahlen am 9. Juni gehen nämlich nur diejenigen Kandidaten in die Stichwahl, die mehr als 12,5% der Stimmen erhalten haben. Einigen sich die Konservativen, steigen ihre Chancen, ihre Kandidaten durchzubringen. Aber der Wahlmodus gestattet es auch Le Pens Front (FN), Chiracs Lager entscheidend zu schwächen.

Le Pen hat angekündigt, in jedem der 577 Wahlkreise einen Kandidaten zu präsentieren. Setzt sich sein bisheriger Erfolg fort, könnte es im zweiten Wahlgang über 150 "Dreiecksrennen" (triangulaires) zwischen einem Konservativen, einem Sozialisten und einem FN-Kandidaten geben. Sieger wäre dann zumeist die Linke, weil sich die Rechtskandidaten gegenseitig die Wähler abjagen. Genau das verschaffte den Sozialisten um Jospin bei den Parlamentswahlen 1997 den Sieg.

Ein starkes Argument für Chirac, das "Katastrophenszenario" einer neuen Kohabitation (so der konservative "Figaro") zu verhindern, ist ein möglichst hoher Sieg gegen Le Pen am 5. Mai. "Je klarer Chirac gegen Le Pen siegt, desto eher kann er eine Dynamik für das konservative Lager bei den Parlamentswahlen entfachen", schätzt Analyst Méchet.

Zunächst aber muss Chirac entscheiden, ob er zu einer Fernsehdebatte gegen seinen rechtsextremen Rivalen antreten will. Noch am Wahlabend hatte ihn Le Pen zu einem TV-Duell herausgefordert. Chirac fürchtet eine offene Debatte gegen den rhetorisch brillianten Le Pen - denn der könnte ihn auf seine zahllosen Korruptionsaffären ansprechen oder sogar offen beleidigen. Chirac schlägt daher einen Streit nach amerikanischem Format vor. Dabei werden den Kandidaten Fragen von Journalisten gestellt, direkte Wortwechsel der Kandidaten sind selten. Erwartungsgemäß hat Le Pen diesen Vorschlag abgelehnt. Aber die Verhandlungen laufen weiter.

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