Streit um Fusion von "Tagesspiegel" und "Berliner Zeitung"
Clement gibt Verlegern kurze "Denkpause"

Im Berliner Zeitungsstreit hat der Bauer-Verlag sein Angebot für die Übernahme des "Tagesspiegels" bekräftigt. Er biete 20 Millionen Euro für das Blatt sowie eine Bestandsgarantie von 7 Jahren, sagte Verleger Heinz Bauer auf einer Anhörung unter Leitung von Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Dieser entschloss sich derweil überraschend, die Sitzung zu unterbrechen: Vertreter des Holtzbrincks-Verlags hatten sich geweigert, auf seine Frage zu antworten, ob sie tatsächlich den "Tagesspiegel" verkaufen wollten.

jm/HB BERLIN. Mit dem Taktieren müsse Schluss sein, forderte Clement. Zuvor hatten sich die Vertreter der Verlage Holtzbrinck, Bauer und Springer ein stundenlanges Wortgefecht über die Verlagsfusion der "Berliner Zeitung" und des "Tagesspiegels" geliefert. Clement hatte von Holtzbrinck den Nachweis für die angebliche Unverkäuflichkeit des Blattes gefordert. Das Stuttgarter Medienhaus will die "Berliner Zeitung" (ehemals Gruner+Jahr) kaufen und dabei den "Tagesspiegel" behalten. Dies hatte das Bundeskartellamt abgelehnt. Daraufhin hatte Holtzbrinck eine Sondererlaubnis von Clement beantragt.

Unterdessen hat der Verleger Heiz Heinrich Bauer hat sein Kaufinteresse für die Berliner Zeitung "Der "Tagesspiegel" erneuert. In der zweiten öffentlichen Anhörung zur Ministererlaubnis für geplanten Übernahme des Berliner Verlages mit der "Berliner Zeitung" durch den Holtzbrinck-Verlag sagte Bauer, er sei aus strategischen und unternehmerischen Motiven heraus bereit, den "Tagesspiegel" für einen Kaufpreis von 20 Millionen Euro zu erwerben. Er wolle dem Blatt eine siebenjährige Bestandsgarantie geben und sei zu einer Vertragsstrafe von zehn Millionen Euro bei frühzeitigem Rückzug bereit.

Dagegen warf Holtzbrinck-Anwalt Rainer Bechtold Bauer vor, die langfristige Sicherung des "Tagesspiegel" nicht ausreichend sicher zu tellen und kein ernsthaftes Kaufinteresse zu haben. Bauer wolle im Interesse Dritter nur für die von Holtzbrinck beantragte Ministererlaubnis ein weiteres Hindernis aufbauen. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) kündigte an, in den nächsten Tagen eine Entscheidung über die Ministererlaubnis einzuleiten. Noch gebe es keine Festlegungen.

Bauer: Ich würde auch weitere Verluste in Kauf nehmen

Gegen die Übernahme des Berliner Verlages durch Holtzbrinck hatten sich sowohl das Bundeskartellamt als auch wiederholt die Monopolkommission ausgesprochen. Die Kartellwächter befürchten durch ein Zusammemgehen von "Tagesspiegel" und "Berliner Zeitung" im verlagswirtschaftlichen Bereich - bei weiter unabhängigen Redaktionen - Wettbewerbsbeeinträchtigungen am Berliner Markt für Abonnementszeitungen. Der wird neben den genannten Zeitungen von der "Berliner Morgenpost" aus dem Axel Springer Verlag bestimmt. Holtzbrinck macht überragende Gemeinwohlinteressen an einer solchen Fusion geltend und hat mit dieser Begründung eine Sondererlaubnis beantragt.

Bauer erklärte, er sehe im Zeitungsgeschäft ein wichtiges zweites Standbein für seine Verlagsgruppe, die vorwiegend im Zeitschriftenmarkt tätig ist. Er sei überzeugt, dass der "Tagesspiegel" mit seiner Ausrichtung auf ein kaufkräftiges Publikum langfristig seine Auflage und damit seine wirtschaftlichen Ergebnisse verbessern und wieder Gewinn schreiben könne. Seine Kaufbereitschaft sei eine "strategische, unternehmerische Entscheidung". Angesichts des Potenzials des "Tagesspiegel", längerfristig die bestimmende Hauptstadtzeitung zu werden, sei er auch bereit, zunächst weitere Verluste bei dem Blatt hinzunehmen. Vorwürfe von Holtzbrinck-Seite, sein Kaufangebot habe im Interesse anderer nur taktischen Hintergrund, um eine etwaige Ministererlaubnis zu hintertreiben, wies Bauer zurück. "Warum sollte ich das tun?", fragte er. Es gehe schließlich um ein hohes Finanzrisiko.

Für Holtzbrinck hatte Rechtsanwalt Bechtold die Position bekräftigt, das Zusammengehen mit der "Berliner Zeitung" im außer-redaktionellen Bereich sei die einzige Chance, den "Tagesspiegel" langfristig zu sichern. "Stand-alone (mit einem Alleingang) ist der "Tagesspiegel' nicht lebensfähig", sagte er. Im übrigen habe das von Holtzbrinck auf Aufforderung von Clement vorgenommene Bieterverfahren gezeigt, dass der "Tagesspiegel" an andere Interessenten nicht verkaufbar sei. In dem Verfahren hätten sich zunächst sieben Kauf-Interessenten gemeldet, ein ernsthaftes Angebot sei aber nur von Bauer gekommen. Dessen Angebot sei aber aus vielen Gründen nicht ernst zu nehmen und "ein rein taktisches Manöver". Dahinter stehe weder ein schlüssiges Konzept, noch sichere es den "Tagesspiegel".

Springer sieht bei der Fusion weiter Gefahr für "Morgenpost"

Für den Axel Springer Verlag sprach der Geschäftsführer der Zeitungsgruppe Berlin, Josef Propst. Komme es zu einem Zusammengehen von "Tagesspiegel" und "Berliner Zeitung", werde das mittel- und langfristig seine Zeitung und die mit ihr eng zusammenarbeitende Zeitung "Die Welt" gefährden. "Kurzfristig steht aber überhaupt keine Einstellung an", stellte er klar. Probst warf Holtzbrinck vor, den "Tagesspiegel" überhaupt nicht verkaufen zu wollen und daher auch ein Angebot, wie das von Bauer, auszuschlagen. Sein Verlag werde mit allen juristischen Mitteln gegen eine etwaige Ministererlaubnis der Fusion vorgehen. Eine Ministererlaubnis sei nicht durch ein Gemeininteresse begründen, sondern würde nur die Machtverhältnisse am Berliner Zeitungsmarkt zu Gunsten von Holtzbrinck verschieben.

Auf dem Berliner Zeitungsmarkt ist die Konkurrenz so groß wie nirgendwo anders in der Bundesrepublik. In den vergangenen Jahren war deshalb gern vom "Zeitungskrieg" die Rede. Mittlerweile bemühen sich Verleger und Chefredakteure allerdings um rhetorische Abrüstung. Viele haben erkannt, dass die Pläne von einst um einige Nummern zu groß waren.

Der Umzug von Regierung und Parlament an die Spree hat den Berliner Blättern zwar mehr Gewicht verliehen, aber im überregionalen Wettbewerb liegen immer noch andere vorn. Hinzu kommen die berlin- typischen Probleme: Der Zeitungsmarkt ist weiterhin gespalten zwischen Ost und West, die Auflage sinkt zumeist, und auch das Anzeigengeschäft läuft wegen der Wirtschaftsflaute schlecht.

Hintergrund: Der Berliner Zeitungsmarkt

Auflagenstärkste Zeitung ist das traditionsreiche Boulevardblatt "B.Z.", das zum Springer-Verlag gehört. Im Durchschnitt werden davon täglich 239 000 Exemplare verkauft. Die verlagsinterne Konkurrenz von "Bild" setzt pro Tag in Berlin und Brandenburg 139 000 Exemplare ab. Der "Berliner Kurier" - bislang beim Verlag Gruner + Jahr - liegt knapp dahinter bei 137 500 Exemplaren.

Unter den Abonnementszeitungen liegt mit einer Auflage von 193 000 Exemplaren die "Berliner Zeitung" - bislang ebenfalls Gruner+Jahr - auf dem ersten Platz. Ihre Leserschaft kommt vor allem aus dem Osten. Mit einigem Abstand folgen die Springer-Zeitung "Berliner Morgenpost" (150 000) und der "Tagesspiegel" (140 000), der zu Holtzbrinck gehört. Beide werden vor allem im Westen gelesen. Außerdem erscheinen in der Hauptstadt die "tageszeitung" ("taz"), das "Neue Deutschland" und "Die Welt". Bei den Auflagenkontrollen werden sie allerdings zu den überregionalen Zeitungen gezählt - ebenso wie zum Beispiel die "Frankfurter Allgemeine" oder die "Süddeutsche Zeitung". Diese zwei Blätter hatten eine Zeit lang versucht, mit eigenen Berlin-Seiten in der Hauptstadt besser Fuß zu fassen. Beide Versuche wurden inzwischen eingestellt.

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