Streit um Islam-Unterricht
Allah kommt in die Klassenzimmer

Nach über zwanzig Jahren Streit ist es soweit: Allah kommt in die Berliner Klassenzimmer. Wenn in der Hauptstadt in der kommenden Woche die Schule wieder anfängt, dann können Kinder erstmals an zwei Grundschulen islamischen Religionsunterricht besuchen - ein Novum in Deutschland.

afp BERLIN. Das Berliner Verwaltungsgericht gab am Mittwoch einem Eilrechtschutzantrag der Islamischen Föderation statt. Damit ist der Weg frei für eine höchst umstrittene Organisation, die vom Verfassungschutz als extremistisch eingestuft wird.

Für die Berliner Schulverwaltung ist das eine herbe Niederlage. Jahrzehntelang hatten die Schulsenatoren dafür gekämpft, den Zusammenschluss von 25 Vereinen aus den Schulen fernzuhalten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern läuft der Religionsunterricht in Berlin auf freiwilliger Basis und ist für jede Organisation offen, die als Religionsgemeinschaft anerkannt ist.

Befürchtung: Kinder werden von Fanatikern unterrichtet

Die Schulverwaltung versuchte, die Föderation aus den Klassenzimmern fernzuhalten, zum Beispiel mit dem Argument, die Gleichberechtigung von Frau und Mann werde von den islamischen Religionslehrern nicht genügend behandelt. Zwanzig Jahre lang wurde der Streit vor Gericht ausgetragen. Jetzt besteht die Befürchtung bei vielen Kritikern, dass die Kinder Fanatikern ausgesetzt werden.

Sie werfen der Islamischen Föderation eine große Nähe zur türkisch-islamistischen Auslandsorganisation Milli Görus sowie zur in der Türkei verbotenen Wohlfahrtspartei vor. Auch Milli Görus wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Ranghohe Mitglieder äußerten sich in der Vergangenheit mehrfach antisemitistisch und rassistisch. Die Islamische Föderation weist personelle Verquickungen von sich, gibt sich betont unpolitisch und westlich orientiert, aber sehr religiös. Ihr Anliegen sei es, Kindern die Grundzüge von Koran und Sunna beizubringen, sagt Burhan Kesici, ein 29-jähriger Politologe, der fließend deutsch spricht und die Organisation nach außen vertritt. Doch zugleich gehe es auch um den Dialog mit Christen und Nichtmuslimen. "Wir wollen eine harmonische Zusammenarbeit mit allen Beteiligten."

Politiker aller Parteien bedauern das Urteil

Doch die wird es nicht geben. In den beiden Grundschulen in den ausländerreichen Bezirken Wedding und Kreuzberg regte sich bereits in der Vergangenheit Widerstand von Eltern und Schulleitern, als die Islamische Föderation ankündigte, sie wolle dort unterrichten. Die Schulverwaltung muss notgedrungen Räume zur Verfügung stellen und die Lehrkräfte bezahlen, die sich die Föderation selbst aussuchen kann. Auch die Politiker sind quer durch die Bank ablehnend. "Wir bedauern das Urteil sehr", sagt der schulpolitische Sprecher der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Özcan Mutlu.

Dabei ist der Bedarf nach Erklärungen von Weltanschauungen und Religionen in einer multiethnischen Stadt wie Berlin mit rund einer halben Million Ausländer groß. Mutlus Partei und auch die progressive Dachorganisation Türkischer Bund fordern deshalb ein eigenständiges, religiös und weltanschaulich neutrales Fach, in dem über Ethik und Menschenrechte, aber auch über Koran, Bibel und Thora unterrichtet wird. Dort würden die Schüler aller Nationalitäten tatsächlich zusammengeführt, argumentiert der Deutsch-Türke Mutlu. Ähnliche Modelle gibt es bereits in Hamburg und Nordrhein-Westfalen.

Die konservativeren Kräfte der Stadt, die Kirchen, die CDU und auch Teile der SPD, wollen dagegen ein Wahlpflichtfach. Danach sollen die Schüler zwischen katholischem, evangelischem oder lebenskundlichem Unterricht wählen können. Dieser sollte allerdings verpflichtend sein. Doch beide Vorschläge, über die seit Jahren in Berlin heftig diskutiert wird, sind angesichts der maroden Haushaltslage der Hauptstadt unrealistisch. Ein Pflichtfach egal welcher Ausrichtung würde Berlin jährlich mehrere Mill. DM zusätzlich kosten.

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