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Streit um Keeper Nummer 1 belastet Reise nach Teheran

Der neu eskalierte Torhüter-Streit in der Fußball- Nationalmannschaft hat Jürgen Klinsmanns Vorfreude auf das Spiel gegen den Iran getrübt, soll das Ziel der Reise aber nicht gefährden.

dpa TEHERAN. Der neu eskalierte Torhüter-Streit in der Fußball- Nationalmannschaft hat Jürgen Klinsmanns Vorfreude auf das Spiel gegen den Iran getrübt, soll das Ziel der Reise aber nicht gefährden.

Zumal schon der überschwängliche Empfang, den Tausende Iraner dem Vize-Weltmeister in Teheran nach der Ankunft am Flughafen Mehrabad bereiteten, verdeutlichte, welche Bedeutung der erste Auftritt einer DFB-Auswahl in dem islamischen Land hat. Michael Ballack & Co. mussten umlagert von Kamera-Teams sowie männlichen und vielen weiblichen Fans einen Nebenausgang zum wartenden Bus wählen.

Für den besonders gefeierten Klinsmann rückte der betriebsinterne Ärger kurz in den Hintergrund. Denn noch auf dem Hinflug hatte der Bundestrainer in 11 000 m Höhe auf den vor allem von Torwarttrainer Sepp Maier wieder verschärften Konflikt zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann reagiert. "Wir registrieren alles, aber reagieren werden wir zum richtigen Zeitpunkt. Wenn wir zurück sind, werden wir in aller Ruhe diskutieren und die Schlüsse daraus ziehen. Aber das ist im Moment zweitrangig. Absolute Priorität hat das Iran-Spiel", erklärte Klinsmann in der DFB-Chartermaschine im Stile des Bundeskanzlers vor Journalisten. "Aufgabe ist es jetzt, die Mannschaft mit aller Konzantration in das Spiel zu führen", betonte Klinsmann.

Konsequenzen muss in erster Linie wohl Maier befürchten, der schon auf der Reise nach Österreich vor knapp zwei Monaten von Klinsmann für eine ähnliche Attacke die "Gelbe Karte" erhalten hatte. Eine erste Ansage an seinen wichtigen Mitarbeiter, der sich einmal mehr in drastischer Wortwahl für seinen Bayern-Schützling Kahn und gegen den bei Arsenal London spielenden Lehmann stark machte, kündigte der Coach schon an: "Es heißt ja nicht, dass wir intern nicht kurz darüber reden", bemerkte er zu seiner öffentlichen Zurückhaltung in punkto Konsequenzen.

Während Klinsmann erst vor zwei Tagen ein "offenes Duell" zwischen Kahn und Lehmann bis zur WM 2006 angekündigt hatte, vertrat Maier in der "Bild"-Zeitung eine konträre Meinung: "Da kann sich Lehmann aufhängen - Oliver Kahn ist der Bessere. Ich sage meine Meinung nicht, weil ich seit elf Jahren mit Olli bei Bayern zusammen arbeite, sondern weil ich es so sehe." Fußball-Idol Franz Beckenbauer forderte die Keeper bei einer Pressekonferenz in Berlin zur baldigen Einigung in der Auseinandersetzung auf: "Sie sollen sich jetzt einmal an einen Tisch setzen und die Sache ausdiskutieren."

Klinsmann will nach dem außergewöhnlichen Auftritt in Iran aber nicht nur diesen Brennpunkt klären. "Wir werden sicherlich Dinge, die sich in den verschiedenen Ecken entwickelt haben, analysieren und Schlüsse ziehen, egal, welche Personen involviert sind", kündigte er eine umfassendere Aufarbeitung der ersten Arbeitsmonate an.

Seine wichtigsten Gesetze für Mannschaft und direktes Umfeld verkündete er schon: "Ich habe kein Problem damit, wenn es hin und wieder zu einer Konfrontation oder einem Schlagabtausch kommt. Aber das Allerwichtigste ist der Respekt, auch wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Das hat mir mein Vater mit auf den Weg gegeben", sagte Klinsmann. Das Argument, dass Torhüter anders ticken, lässt er nicht gelten: "Jeder Nationalspieler ist ein Ausnahmespieler und hat eine eigene Persönlichkeit. Aber nicht der eine mehr als der andere."

Neben Maier haben auch Lehmann und Kahn diesem Verhaltens-Codex wieder einmal nicht entsprochen. So sagte Lehmann in einem Interview über Maier: "Was er zum Fußball sagt, ist manchmal Quatsch." Maiers Konter: "Lehmann soll erst mal das erreichen, was ich erreicht habe. Da kann er noch 100 Jahre Fußball spielen." Kahn wiederum stichelte nach Lehmanns Kampfansage: "Das ist mittlerweile eine Charakterfrage, was da permanent von Jens Lehmann öffentlich gemacht wird. Ich habe vom Bundestrainer die Information, dass ich die Nummer 1 bin und Jens Lehmann einige Chancen bekommt."

Auf jeden Fall wird Lehmann im Azadi- Stadion unter besonderer Beobachtung stehen. Klinsmann allerdings wird dagegen sein Hauptaugenmerk auf die jungen Akteure wie den 20- jährigen Robert Huth richten, der wieder in der Abwehr zum Einsatz kommen wird. Der Bundestrainer geriet auf dem Hinflug nach Teheran geradezu ins Schwärmen über die deutschen Talente.

Erst beim Frühstück hatte er mit dem DFB-Präsidenten über den Nachwuchs gesprochen: "Ich habe mit Gerhard Mayer-Vorfelder diskutiert. Früher wurde immer gesagt, es kommt nichts nach und wurde alles nieder gemacht. Wir sehen jetzt genau das Gegenteil. Da ist ein unglaubliches Potenzial. Wir haben eine ganz andere Generation, die unglaublich lernbegierig ist und schon erwachsen. Das ist genau konträr zum Image der Playstation-Generation." Die nächsten Youngster, die er in Teheran ins kalte Wasser werfen könnte, sind Thomas Hitzlsperger und Per Mertesacker. "Wenn wir nicht von ihren Qualitäten überzeugt wären, hätten wir sie nicht mitgenommen."

Die voraussichtliche Aufstellung:

Lehmann - Hinkel, Wörns, Huth, Lahm - Ernst - Deisler, Ballack, Hitzelsperger (Schneider) - Asamoah, Klose

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