Stress in der Beziehung
Borussia Dortmund sucht Schuldigen für Indiskretionen

Die Zeit zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen gilt gemeinhin als eine besinnliche. Und auch danach läuft das Arbeitsleben in der Regel ruhig und gemächlich wieder an. Bei Borussia Dortmund ist dies 2002 anders.

DÜSSELDORF. Manager Michael Meier kam erst am Montag aus dem Urlaub zurück - und schon steckt er bis über beide Arme in der Arbeit. Indiskretionen wahrscheinlich bei der Hausbank, die zur Veröffentlichung der Gehälter des BVB-Kaders führten, das Tauziehen um die Spieler Kehl und Frings, die Nachricht, dass die Deutsche Bank mittlerweile 28 Prozent an der Borussia hält, Ärger mit Spielern, die zu spät oder gar nicht aus dem Urlaub kommen und gestern eine reduzierte Gewinn- und Kursprognose durch einen Analysten. Kurz: Sportlich startet die Borussia dank neuer Spieler wohl erfolgreich ins neue Jahr, aber wirtschaftlich könnte es besser laufen.

Die Sache mit den veröffentlichten Spielergehältern beschäftigte Meier sogar schon im Urlaub. "Man werde sich intensiv mit der Hausbank zusammensetzen", wurde er zitiert. Denn die "Sportbild" hatte in ihrer Neujahrsausgabe eine prekäre Liste veröffentlicht - die Nettoüberweisungen der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA im August 2001 an ihre Spieler. Da konnten dann alle nachlesen, dass Otto Addo 642 762,57 Mark erhielt, Kollege Jürgen Kohler hingegen 111 647,82 Mark. "Die Zahlen stimmen", bestätigte Meier gegebenüber dem Handelsblatt. Allerdings sei der Artikel dennoch "keine journalistische Meisterleistung" gewesen. "Zu so einem Artikel gehören immer zwei: einer, der die Infos rausrückt und einer, der sie abdruckt", so Meier. Das Ganze ist eine "Schweinetat".

Für Dortmund ist klar, dass die undichte Stelle bei Borussias Hausbank - einer Niederlassung der Deutschen Bank - zu finden ist. Schließlich lagen der Zeitschrift die Originalbelege vor. Das Bankgeheimnis sei auf jeden Fall "umgangen" worden, sagte Meier. "Wir prüfen, ob ein Straftatbestand vorliegt und werden dann Maßnahmen ergreifen." Zunächst werde man auf den dem Klub "zur Verfügung stehenden Kanälen nachschauen, wo der Schurke sitzt". Auch mit der Deutschen Bank habe man schon Kontakt aufgenommen.

Dass die betroffene Bank das Bankgeheimnis grundsätzlich hoch hält, bewies sie bei der Bitte um eine Stellungnahme: "Mit Blick auf das Bankgeheimnis kommentieren wir Kundenbeziehungen nicht", sagte Walter Schumacher, Pressesprecher des Instituts, dem Handelsblatt.

Liste sorgt für Unruhe in der Mannschaft

Für Dortmund ist der Schaden groß. Auch wenn die Zahlungen an die einzelnen Spieler nicht vergleichbar sind - einigen Spielern wurden auch Boni und Prämien überwiesen - so dürfte die Liste vor allem innerhalb der Mannschaft für Unruhe sorgen. Der Neid unter Fußball-Profis gilt als besonders ausgeprägt. Fraglich ist jedoch, ob Dortmund aus dieser Geschichte Konsequenzen ziehen wird und kann. Schon im vergangenen Jahr konnte BVB-Stürmer Fredi Bobic in einer Zeitung seine Gehaltsabrechnung überprüfen.

In einer ersten Stellungnahme hatte Meier auch einen Wechsel der Hausbank nicht ausgeschlossen. Jedoch besitzt die Deutsche Bank, wie Borussia am 29. Dezember pflichtgemäß bekannt gab, mittlerweile 27,94 Prozent der Dortmunder Aktien. Beim Börsengang im Herbst 2000 seien es gut zehn Prozent gewesen, Ende des gleichen Jahres schon knapp 20 Prozent, so Pressemann Schumacher. "Der Markt war ja alles andere als erfreulich". Nunmehr hätten steuerliche Gründe dazu geführt, dass die Beteiligungen der Unternehmensgruppe zusammengefasst werden. So kamen die acht Prozent der Spezialfondsgesellschaft der Deutschen Bank, "Degef", hinzu. Generell bewertet Meier das Aktien-Engagement der größten deutschen Privatbank positiv. Durch die Bündelung, so der Manager, sei die Wahrscheinlichkeit, dass die Beteiligung abgebaut werde, geringer.

Trotz der engen Beziehung will Meier sich aber nicht davon abhalten lassen, notfalls Konsequenzen aus den Indiskretionen zu ziehen. "Wenn eine undichte Stelle vermutet beziehungsweise bewiesen wird, dann interessiert auch die Beteiligungsquote nicht. Da wäre es fahrlässig, wenn man da nicht reagiert."

Die hohe Beteiligungsquote von 28 Prozent hat selbst Ernst Scheer, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, überrascht. Für ihn ist das "kein strategisches Investment, sondern aus der Not geboren, um den Kurs zu stabilisieren". Der Finanzexperte sieht die Gefahr, dass die Deutsche Bank bei Kurssteigerungen Anteile verkauft. Hauptgrund des großen Engagements zurzeit sei, dass die Deutsche Bank darauf spekuliere, Börsengänge weiterer Bundesligisten - insbesondere aber den von Bayern München - zu begleiten.

Zudem reduzierte Scheer gestern sein BVB-Kursziel für das Geschäftsjahr 2001/02 von 11 auf den geschätzten Buchwert von 7,30 Euro. Gestern Abend notierte der Kurs bei rund 5,20 Euro. Zudem werde der Klub voraussichtlich in diesem Geschäftsjahr auch keine Gewinne erzielen. "Der BVB hat mit seinen bisherigen Investitionen die beim Börsengang gemachten Planungen auf den Kopf gestellt.", so Scheer. Nämlich vor allem in Beine investiert, nicht in Steine. Beispielsweise hatte Dortmund mit einem Teil des Emissionserlöses seinen Anteil am Westfalenstadion von 47 auf 75 Prozent erhöht. Ende 2001 verringerte man aber still und leise den Anteil wieder auf 51 Prozent. Mit den 31 Millionen Euro der Düsseldorfer Vermietungsgesellschaft Molacra will der BVB den Stadionausbau für die WM 2006 finanzieren.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%