Stress-Situation Interview
Verhängnisvolle Versprecher

Es könnte teuer werden für Rolf Breuer. Ziemlich teuer sogar. Das Landgericht München hat eine Klage in der Schublade, angestrengt vom gefallenen Medienzaren Leo Kirch. Streitwert: 100 Millionen Euro. In gut zwei Wochen wird darüber verhandelt, ob Breuer mit einer Äußerung gegenüber Bloomberg TV den Kirch-Konzern in die Krise gestürzt hat.

HALBUER. Das behaupten zumindest die Kirch-Anwälte. Breuer, damals noch als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, soll angeblich gesagt haben, dass "nach allem, was man so hört und liest", die Banken nicht bereit seien, der Kirch-Gruppe auf unveränderter Basis weitere Kredite zu geben.

Die Sache Kirch gegen Breuer zeigt: Aussagen von hochkarätigen Managern, aber auch von Politikern werden in der Öffentlichkeit aufgesogen und sofort interpretiert. Ein falsches Wort oder eine ungeschickte Formulierung vor dem Mikrofon kann Karrieren kosten, Klagen nach sich ziehen oder einen politischen Machtwechsel verhindern.

Brisante Informationen "ausgeplaudert"

Mal angenommen: Edmund Stoiber hätte bei Sabine Christiansen nicht herumgestammelt und die Moderatorin gleich zweimal mit "Frau Merkel" angeredet - vielleicht wäre er jetzt Bundeskanzler? Mal angenommen: Herta Däubler-Gmelin hätte nicht so ungeschickt Parallelen zwischen Bush und Hitler gezogen - vielleicht wäre sie jetzt noch Justizministerin? Stammeleien à la Stoiber sind peinlich, aber das unbewusste Ausplaudern von brisanten Informationen ist mindestens ebenso schlimm. Vor verbalen Entgleisungen ist weder der interviewerfahrene Politiker noch der schüchterne Prokurist gefeit. Sobald das rote Kameralämpchen angeht, brabbeln sie drauf los und reden sich um Kopf und Kragen. "Verbale Inkontinenz" wird dieses Phänomen spöttisch genannt.

Die Kommunikationswissenschaft erklärt dies damit, dass ein Mensch etwa sieben bis acht Gedanken im Kopf hat, während er einen ausspricht. Was also tun? Wie übersteht man unbeschadet die Interviews? "Üben, üben, üben", sagt Karsten Bredemeier: Er ist Rhetoriktrainer und lotst von Berufs wegen Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen durch den gefährlichen Dschungel von Kameras, Mikrofonen und kritischen Fragen. Bredemeier ist sich sicher: "Stoibers Auftritt bei Christiansen hat die CDU/CSU fünf Prozent gekostet. Mindestens

."

Vor der Kamera niemals sofort antworten - erst sammeln

Bredemeiers Rat, wenn man plötzlich eine Kamera vor der Nase hat und ein Statement abgeben soll: "Niemals sofort antworten. Erst einmal in Ruhe die Gedanken sortieren und dann überlegt in klaren Sätzen sprechen." Im Gegensatz zu Politikern, die ihre Redekunst schon als Schüler oder Studenten in verqualmten Landgasthöfen trainieren, sind Spitzenmanager häufig überfordert, wenn die Öffentlichkeit über sie hereinbricht. Manager steigen hauptsächlich wegen ihrer Fachkompetenz in die erste Reihe auf, nicht wegen ihres galanten Redestils: "Plötzlich sitzen die dann auf dem Chefsessel und kriegen keinen graden Satz raus", sagt Rhetorikprofessor Joachim Knape von der Uni Tübingen. Knape glaubt, dass die Firmenlenker "ohne kommunikative Kompetenz ihrem Job nicht gerecht werden" können. "Der Manager muss vor Aktionären, Mitarbeitern und Journalisten als Persönlichkeit wirken. Dann wird ein Sachfehler oder ein falsches Wort viel eher akzeptiert."

Immer freundlich bleiben

Wirkt der Befragte unsympathisch, muffelig oder aggressiv, zweifeln die Zuschauer am Charakter des Redners, mögen dessen Äußerungen auch noch so zutreffend sein. "Freundlich bleiben, nicht mit aufgeregter, hoher Stimme reden, das ist wichtig", sagt Knape. Diese Kompetenz sei allerdings nur bedingt erlernbar: "Wer kein Charisma hat, dem werden die Herzen nicht zufliegen, das ist nun mal so." Selbst Charme und Souveränität reichen noch nicht für ein perfektes Interview: Der Gesprächspartner muss zudem die Relevanz der Aussagen erkennen. "Kontextualisierung" nennt das der Medientrainer Bredemeier.

Kajo Neukirchen beispielsweise, der Chef des Anlagenbauers MG Technologies, ist dafür bekannt, dass er die Berichte seiner Mitarbeiter mit einer Killer-Phrase bombardiert. "So what?" ist sein beliebter Kommentar, wenn seine Gesprächspartner ihm Konzepte präsentieren. Eine "So what?"-Situation darf nicht entstehen - der Redner muss seine Inhalte nicht nur vortragen, sondern auch einordnen und bewerten - "nur dann kommt die Botschaft richtig an", erklärt Bredemeier.

Ungewohnte Situationen systematisch trainieren

Damit ein Interview nicht zum Desaster wird, trainieren mittlerweile einige Manager die ungewohnte Situation systematisch. Bei Sun Microsystems Deutschland etwa werden Mitarbeiter, die öffentlich auftreten, so gründlich wie möglich auf jedes Interview vorbereitet. "Wir wollen verhindern, dass die Kollegen ins kalte Wasser geworfen werden", erklärt Marketingdirektor und Öffentlichkeitsarbeits-Chef Martin Häring. Die Interview-Situation, sei es am Telefon oder im Gespräch, wird bei Sun Deutschland mit Rollenspielen trainiert. Trotzdem - Fehler können immer mal passieren, "aber daraus lernt man ja", sagt Häring.

Und wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und das Gespräch oder Interview katastrophal verläuft? Goldene Regel: nicht die Nerven verlieren oder gar das Gespräch abbrechen. "Das wäre schlicht peinlich", erläutert Bredemeier. Bei Sachfehlern empfiehlt er eine "souverän vorgetragene Selbst-Korrektur". Ist der Satz wirklich heikel, muss der Interviewte schnell reagieren, die Aussage abschwächen oder - wenn möglich - anderen in den Mund legen. Das allerdings erfordert Geistesgegenwart und Konzentration. "Wenn der Redner gar nicht merkt, dass er sich gerade verplappert, hat er ziemlich schlechte Karten", sagt Bredemeier.

Quelle: Handelsblatt

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