Stressmanagement
Ich brauche ein Ventil

Verdammter Stress: Termine, Termine, Druck von oben, von unten, von der Seite. Und stets die Angst zu versagen. Dagegen helfen nur ein gesundes Selbstbewusstsein und ein planvoller Umgang mit der Zeit.

DÜSSELDORF. Als Ines Schneider noch jünger war, arbeitete sie bis zum Umfallen. Tag für Tag bis 21, 22 Uhr. Ein neues Projekt? Ein interessanter Kunde? Eine Software, die es zu beherrschen galt? Die junge Unternehmensberaterin war immer dabei: "Für mich war alles eine Herausforderung, jedes Projekt eine Herzensangelegenheit."

Irgendwann zerbrach die große Liebe zur Arbeit. Eines Morgens wachte die Hamburgerin auf und konnte sich nicht mehr bewegen. Burnout infolge von Dauerstress, diagnostizierte die Ärztin und verordnete sechs Wochen Ruhe. "In der Zeit habe ich mühselig wieder laufen gelernt", erinnert sich Schneider, "damit begann mein zweites Leben."

Florian Weber, 33, kennt derlei Geschichten zur Genüge. Der Bankdirektor der Düsseldorfer Schnigge AG hat Kollegen auf dem Börsenparkett erlebt, die im Alkohol Entspannung suchten und nicht fanden. Er kann von Selbstmorden berichten und von Kollegen, die plötzlich krähend auf dem Parkett standen. "Sie haben den Druck nicht ausgehalten", sagt Weber. Und er? "Ich lass mich nicht aus der Ruhe bringen. Was ich nicht ändern kann, darüber rege ich mich nicht auf. Verkauft ist verkauft." Weber macht eine kurze Pause, grinst: "Manche fühlen sich durch mein Verhalten regelrecht genervt." In der größten Hektik, kurz vor Eröffnung der New Yorker Börse beispielsweise, beginne er Witze zu reißen. "Ein Ventil", sagt er, "es hilft ungemein."

Lähmende Angst

Zwei Menschen, zwei Geschichten ­ warum bricht der eine irgendwann zusammen, warum wirkt der andere trotz Zwölfstundentagen noch immer wie Buddha? Warum klagt nach einer Studie des Karlsruher IAS Instituts für Arbeits- und Sozialhygiene fast jeder dritte Manager über Stresssymptome wie Herzbeschwerden oder Schlafstörungen, und warum segelt ein Viertel unbeschadet durchs Leben?

Letztlich sei es eine Frage der Persönlichkeit, sagen die Experten des IAS. Unter Stress litten vor allem die so genannten Angst-Typen, Menschen also, die hohem Erfolgsdruck ausgesetzt seien und gleichzeitig den Misserfolg fürchteten. "Stress entsteht, wenn die persönlichen Bewältigungsmechanismen nicht mehr funktionieren", erklärt Dagmar Rohnstock, Mediatorin und Stress-Coach aus Berlin. "Das kann die Aussicht auf ein Riesenprojekt sein oder nur eine beiläufige Bemerkung, die das Fass zum Überlaufen bringt." Aber sie betont auch: "Stress ist nicht gleich Stress." Es gelte, den kurzfristig auftretenden Zeitdruck, den jeder Arbeitnehmer kennt, von einer Dauerbelastung zu unterscheiden.

Endlich abschalten

Ines Schneider, die für sechs Wochen stillgelegte Unternehmensberaterin, macht heute die gleiche Arbeit wie früher, mit dem gleichen Elan und der gleichen Energie. Aber ihre Einstellung hat sich geändert: "Abends wenn ich das Büro verlasse, schließe ich auch eine innere Tür." Heute ist der Job keine Herzensangelegenheit mehr, sondern ein Spiel. "Es funktioniert nach den Regeln kleiner Jungs im Sandkasten", sagt die 45-Jährige.

Das Bild ist nicht zufällig gewählt, denn für Schneider hat ein gut Teil Stress seine Ursache in den unterschiedlichen Geschlechterrollen: "Frauen müssen diese Regeln lernen, wenn sie überleben ­ und aufsteigen ­ wollen." Spöttisch fügt sie hinzu: "Mittelmäßigkeit war bei Männern noch nie ein Karrierehindernis." Rückblickend weiß sie, dass sie damals, als sie unter Dauerstrom stand, um die Anerkennung ihrer männlichen Kollegen rang. Und jedesmal, wenn wieder einer von ihnen beruflich an ihr vorbeizog, wuchsen ihre Selbstzweifel. Ihre innere Stimme wurde ihr schlimmster Feind.

1 000 Selbstgespräche pro Tag

"Das ist typisch", sagt Stress-Coach Rohnstock. "Manche Leute sind richtig grausam mit sich selbst. Sie haben sich förmlich selbst zum Scheitern verurteilt." Solchen Klienten hilft sie, sich eine neue innere Stimme zu geben, eine, die beim Selbstgespräch als freundlicher, unterstützender Dialogpartner und nicht als "Stressor" auftritt.

Nichts sei so wichtig wie ein positives Selbstbild, sagt Rohnstock. Und angesichts von mehreren 1 000 Gedanken, quasi Selbstgesprächen, die jeder Mensch erwiesenermaßen pro Tag führe, spiele die innere Stimme dabei eine Hauptrolle.

So gesehen ist der Börsianer Florian Weber sich selbst sein bester Freund. "Ich glaube an mich", sagt er. "Das ist mein Erfolgsrezept." Selbstzweifel kennt er kaum, wohl aber falsche Entscheidungen. "Wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann muss ich mir eine neue Strategie überlegen, um mein Ziel trotzdem zu erreichen", heißt seine Devise. Im Übrigen gibt er sich keinen Illusionen hin: "Wenn ich den Job meiner Frau machen müsste, jeden Tag drei kleine Kinder versorgen, dann hätte ich weniger gute Nerven."

Doch es gibt Situationen, in denen selbst ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein nicht mehr hilft, wie Gerlinde Hartmann weiß. Zweifel kennt die junge Marketingfachfrau nicht. Im Gegenteil: Waren nicht ihre hervorragenden Examensnoten der beste Beweis für ihre außerordentlichen Fähigkeiten? Und doch stellte sie nach ein paar Monaten in ihrem ersten Job, in der Marketingabteilung eines Modehauses fest, dass sie immer häufiger kleine Fehler machte, dass Routinearbeiten länger dauerten als nötig und dass manches Telefonklingeln sie mächtig ärgern konnte.

"Versuch's doch mal mit Zeitplanung", sagte eine Freundin und legte ihr das neue Buch von Lothar Seiwert auf den Tisch. Missmutig begann Hartmann darin zu blättern. Doch seit kurzem gibt es Stunden, in denen sie telefonisch nicht erreichbar ist. Kürzlich musste ihr Chef erleben, dass die junge Frau freundlich, aber bestimmt eine Arbeit ablehnte. "Es hat mich Überwindung gekostet", gibt sie zu, "aber ich wollte den Messeplan für das nächste Jahr fertig machen. Das hat er dann auch eingesehen."

Wer schreibt, der bleibt gelassen

Bernd Müller hat eine andere Methode entwickelt, um im Tagesgeschäft Stress abzubauen: "Ich notiere mir den aktuellen Stand eines Vorgangs, bevor ich ihn weglege", erklärt der junge Ingenieur bei Biodata, einem Unternehmen, das Sicherheitshardware und-software vertreibt. Wichtig sei, diese Notizen nicht auf einem Zettel, sondern entweder in den Projektunterlagen oder im elektronischen Terminkalender festzuhalten. Nach und nach würden diese Notizen zu einer Dokumentation des Vorgangs.

Das ständige Klingeln des Telefons, die vielen Anfragen von Kunden, die mit den Programmen nicht klarkommen, empfindet der 28-Jährige nicht als störend. "Das ist meine Arbeit. Ich lasse mich nicht aus dem Konzept bringen." Kann er ein Projekt nicht innerhalb der vorgegebenen Zeit erledigen, dann ist es "ärgerlich, aber nicht zu ändern. Hauptsache, die Kollegen wissen Bescheid." Gute Teamarbeit, so Müller, sei letztlich eine Frage guter Kommunikation.

Zehn Minuten zum Planen

Gerade Berufsanfänger neigten dazu, ihre Fähigkeiten zu über- und den Zeitaufwand für eine Aufgabe zu unterschätzen, deshalb gerieten sie nicht selten unter Druck, hat Nicole Truckenbrodt festgestellt, die in München und London als Trainerin und Coach arbeitet. Sie ist überzeugt, dass ein vernünftiges Zeitmanagement die beste Vorsorge gegen Stress ist. Das freilich erfordere nicht nur Übung, sondern auch Zeit.

Pro Tag sollte man zehn Minuten für die schriftliche Planung des nächsten Tages einkalkulieren, sagt die Diplom-Pädagogin. Die Grundregel für erfolgreiches Zeit- und Stressmanagement heißt: Puffer einbauen, nie mehr als zwei Drittel der verfügbaren Zeit verplanen. Dann kann weder das Wechseln einer Druckerpatrone im Büro noch ein Stau auf der Autobahn eine Katastrophe auslösen. Außerdem ist immer wieder zu entscheiden: Was ist wichtig, was ist dringlich, was ist beides zugleich, was weder noch?

Zufrieden dank Salamitaktik

Wer den rein dringlichen Aufgaben Priorität einräume, was häufig vorkomme, laufe in eine gefährliche Stressfalle, warnt Truckenbrodt: das Hamsterrad der Fremdbestimmung. Entscheidend ist der Unterschied zwischen dringlich und wichtig: Das eine ist nur zeitgebunden, das andere ist eine Frage des Wertes der Arbeit.

Truckenbrodt empfiehlt ihren Kunden daher, die langfristigen Wert-Aufgaben in kleine Happen aufzuteilen und zu individuellen dringlichen und wichtigen Aufgaben zu ernennen, die dann täglich erledigt werden. Das dient der Zufriedenheit.

Unter die wichtigen Aufgaben fallen meist langfristige Projekte. Dazu zählt all das, was man sich als persönliche Ziele gesetzt hat. Diese sollten positiv formuliert werden ­ nicht nur, weil das Unterbewusstsein das Wort "nicht" nicht versteht. Statt "Ich will nicht mehr so oft nachgeben" muss es also heißen "Ich möchte meinen Standpunkt vertreten". Positiv formulierte Ziele könnten wie ein Mantra in jeder Minute des Lebens mitschwingen, sagt die Beraterin, und das Unterbewusste positiv programmieren ­ der Stress bleibt dann außen vor.

"Fragen Sie einen Manager, was sein Ziel sei", so Wolfgang Scharrer, Ex-Manager und heute Inhaber der Imvag-Beratung in Stuttgart. "Sie werden überrascht sein. Es gibt nur sehr wenige, die ganz genau wissen, was sie wollen, und das auch noch formulieren können." Unter Ziel versteht Scharrer nicht etwa Quartalsumsätze, sondern individuelle Lebensziele, das, was man gemeinhin unter Sinn des Lebens versteht.



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Gerade weil vielen Menschen ein Ziel fehle, so Scharrers Erfahrung, gerieten sie in das berüchtigte Hamsterrad von äußerem Druck, Selbstzweifeln und Konfusion. "Sie reagieren auf ihre Umwelt, statt zu agieren." Noch dazu nähmen sich gerade viele Führungskräfte in ihrer Funktion als Manager viel zu wichtig, spottet Scharrer. Indem sie ihre berufliche Wichtigkeit betonten, vernachlässigten sie andere Teile ihrer Persönlichkeit, wirft er ihnen vor und rät zu mehr "Gelassenheit, ja, Dankbarkeit".

Stress adelt

Bernd Wittschier geht noch weiter. "Kann es sein, dass wir volle Terminkalender als Statussymbole nutzen, dass ,keine Zeit haben' eine Mode geworden und der Zeitstress im Wesentlichen selbstgemacht ist?" fragt der Experte für Wirtschaftsmediation provozierend. Ganz unberechtigt ist diese Frage nicht. Bereits zu Beginn der 90er-Jahre stellten zwei Zeitforscher nach einer Reihe von Tiefeninterviews mit Managern fest, dass diese sich vor übergeordneten Fragestellungen nur allzu gern drückten. Stattdessen hetzten sie nach den Vorgaben ihrer Kalender von Termin zu Termin und hatten so das Gefühl, etwas Greifbares, Sinnvolles zu tun.

"Tun und Machen vermitteln das Gefühl von Lösen", stellen Christian Lackner und Klaus Götz in ihrem Bericht über "Zeit und Führung" fest. Komplexe Zusammenhänge, übergeordnete Fragestellungen und mögliche Konflikte würden auf diesem Weg nicht gelöst, und dies räche sich in Zeiten der Krise.

Wittschier schließt sich dieser These an. Zwar könne niemand bestreiten, dass Beschleunigung real und Schnelligkeit inzwischen eine "Frage des Überlebens" geworden sei, aber er glaubt fest, dass viele Manager gar nicht auf den Gedanken kämen, sich anders zu verhalten ­ aus Bequemlichkeit und aus Sorge um den Statusverlust. Ginge es nach ihm, dann müssten sie den Mut aufbringen, sich dem allgemeinen Zeitdruck zu verweigern, um Souveränität zurückzugewinnen.

Reif für die Insel

Dies beginne mit der "bewussten Neugestaltung der Eigenzeit", sagt Wittschier. Doch das erfordert ein radikal anderes Zeitverständnis: Statt Zeit als linear verlaufend und mechanisch getaktet zu verstehen, müsse man Inseln schaffen, die keinen herkömmlichen Zeiteinheiten unterworfen sind. Diese "menschliche Eigenzeit" bringe Entspannung und Muße, aber auch Einsichten, Ordnung und Ideen, glaubt Wittschier. Dann "dauert ein Abend ein Buch und einen Cognac lang".

Dagmar Rohnstock formuliert es etwas weniger poetisch. "Man muss lernen, den eigenen Garten zu verteidigen", sagt sie. Gerade abhängig Beschäftigte, Leute also, die in einem höheren Maße fremdbestimmt arbeiteten als beispielsweise Freiberufler oder Unternehmer, müssten Wege finden, mit ihren Kräften hauszuhalten. Deshalb biete eine aktive Freizeitgestaltung nach dem Motto "Was tut mir gut?" den besten Ausgleich zur beruflichen Belastung.

Beruf geht vor

Guido Woska hat das längst erkannt. Abends abhängen auf der Couch gibt es bei dem jungen Diplom-Kaufmann nicht, zur Entspannung geht er lieber ins Theater, außerdem besucht er regelmäßig Seminare in Nordamerikanistik an der Freien Universität Berlin. "Ich gönne mir etwas, ganz bewusst", sagt der 25-Jährige. "Solche Abende oder Nachmittage tun mir richtig gut."

Spaß hin, Herausforderung her, auch Arbeitstiere brauchen klare Regeln. "Ich versuche, Belastungsspitzen gleichmäßig zu verteilen, um einen permanenten Druck zu vermeiden", beschreibt Woska sein persönliches Anti-Stress-Programm. "Am besten geht das, indem man unterschiedliche Aufgaben aufeinander folgen lässt." Das heißt: Nach Fertigstellung des einen Projekts plant Woska zunächst eine Phase des Brainstorming oder einer anderen kreativen Tätigkeit ein, bevor er wieder eine termingebundene Arbeit anpackt. Und schlägt doch mal alles über seinem Kopf zusammen, dann hat er ein vergleichsweise einfaches Rezept: Bewegung und frische Luft, im Grunewald gibt es das umsonst.

Quelle: Junge Karriere

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