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Strom fürs Depot

RWE will das Energiegeschäft stärken. Überteuerte Zukäufe könnten aber dem Kurs schaden.

Aktionäre des größten deutschen Stromversorgers RWE hatten in den vergangenen Tagen ihre wahre Freude: Von Mitte März bis Anfang April stieg der Aktienkurs des sonst eher vor sich hindümpelnden Versorgers um 17 Prozent auf über 42 Euro. Hintergrund war die gescheiterte Übernahme des spanischen Versorgers Hidrocantabrico, den Marktbeobachter ohnehin für zu teuer hielten.

RWE hatte für 113 Millionen Hidrocantabrico-Aktien jeweils 26 Euro geboten. Nachdem dann aber ein Mitbewerberkonsortium aus Ferroatlantica und Energie Baden-Württemberg diesen Preis überboten hatte, machten die Essener einen Rückzieher. Die Regeln der spanischen Börsenaufsicht gaben ihnen keine Möglichkeit, ihr Angebot noch einmal zu erhöhen. Eigentlich wollte RWE nach Worten ihres Vorstandsvorsitzenden Dietmar Kuhnt Hidrocantabrico als Basis für weitere Expansionen in Spanien nutzen. Da die Essener wie auch ihr deutscher Mitbewerber Eon noch immer an Spanien interessiert sind, müssen sie sich nun nach anderen Partnern umsehen.

Was kurzfristig mit Blick auf den Aktienkurs recht ansehlich erscheint, relativiert sich beim zweiten Hinschauen jedoch schon wieder. Schließlich befindet sich die RWE-Aktie mit ihrer derzeitigen Bewertung genau zwischen ihrem 52-Wochenhoch von 51,70 Euro und dem 52-Wochentief von 33,70 Euro. Die Stimmung unter den Analysten ist denn auch nur verhalten positiv. Die Kaufempfehlungen überwiegen nach Angaben der Finanznachrichtenagentur Bloomberg nur leicht die neutralen Urteile für die RWE-Aktie.

Für Analyst Stephan Wulf von M.M. Warburg ist die RWE-Aktie beispielsweise nur noch eine Halte-Position. Er sieht nach dem jüngsten Kurssprung keine fundamentalen Gründe, warum sich die Aktie besser als der Gesamtmarkt entwickeln sollte.

Sein Kollege Frank Rothauge, der die RWE-Aktie für das Bankhaus Sal. Oppenheim bewertet, empfiehlt das Papier dagegen zum Kauf. Das Kursziel nennt er mit 55 Euro. Potenzial für RWE sieht Rothauge zum einen wegen der günstigen Bewertung der Aktie. Diese liegt nach seinen Berechnungen um etwa 40 Prozent unter dem Wert, der sich ergäbe, wenn man die Summe aller RWE-Aktivitäten zusammenzählen würde.

Auch das Scheitern des Versuchs, Hidrocantabrico zu übernehmen, beurteilt der Analyst positiv. "Da bin ich gar nicht so böse drüber. Die Preise für mögliche Akquisitionskandidaten sind ohnehin zu hoch, da wäre es gar nicht so schlecht, wenn sich RWE auch künftig bedeckt hielte", lautet sein Urteil. Mit dem spanischen Versorger hätten sich laut Rothauge keine Einsparpotenziale ergeben.

Ganz werden die Essener den spanischen Markt aber nicht aus den Augen verlieren können. Zum einen soll dort die Nachfrage nach Elektrizität jährlich etwa vier bis sechs Prozent steigen; für Deutschland rechnen Analysten nur noch mit Zuwächsen von weniger als zwei Prozent. Zum zweiten zwingt der zunehmende Wettbewerb die europäischen Versorger, sich nach Partnern umzuschauen und ihre so genannten Kernkompetenzen, also die Geschäftsfelder in den Bereichen Energie, Strom und Wasser zu stärken. In Spanien ist nach der gescheiterten Fusion zwischen Endesa und Iberdrola zudem Endesa wieder in den Blickpunkt gerückt. RWE peilt bis 2010 einen Anteil von zehn Prozent auf dem europäischen Markt für Strom, Gas, Wasser und Abfallentsorgung an.

Die Mittel für Akquisitionen im Strombereich liegen bereit: RWE verfügt nach Angaben von Bloomberg über eine Kriegskasse von mehr als 20 Milliarden Euro, die sie für Unternehmenszukäufe ausgeben könnten. Hinzu kommt der steuerfreie Verkauf von Beteiligungen an Unternehmen, der ab 2002 möglich ist. Sollte sich der RWE-Konzern dann von den Mehrheitsbeteiligungen Heidelberger Druck (56 Prozent) und Hochtief (62 Prozent) trennen, könnte ihm das zusätzliche 4,2 Milliarden Euro einbringen. Dies haben Analysten der Deutschen Bank errechnet. Sie sehen jedoch die Gefahr, dass das viele Geld zu überteuerten Zukäufen verleiten könnte.

Bislang hat RWE durch die Übernahme von Thames Water in Großbritannien im vergangenen Jahr erfolgreich eingekauft. "Das war eine sinnvolle Ergänzung, denn damit steht RWE nun auf Platz drei im weltweiten Wassergeschäft", urteilt Analyst Rothauge. Lange Zeit war RWE mit diesem Schritt seinem Mitbewerber Eon auf dem britischen Markt einen Schritt voraus. Mit der angekündigten Übernahme von Powergen haben die Düsseldorfer aber wieder gleichgezogen. Nun müsste eigentlich RWE wieder am Zug sein. Noch ist nichts konkret. Hinter vorgehaltener Hand mutmaßen Experten aber, der Essener RWE-Konzern dürfte den britischen Stromversorger National Power im Blick haben.



CHANCEN:

RWE ist als defensiver Wert gerade in Zeiten schwacher Aktienmärkte gefragt, weil die Titel eine attraktive Dividendenrendite versprechen. Der scharfe Wettbewerb nimmt zudem ab: Die mit der Deregulierung des deutschen Marktes unter Druck geratenen Strompreise sinken nicht mehr. Für Kursphantasie dürfte auch der ab 2002 mögliche steuerfreie Verkauf von Unternehmensbeteiligungen sorgen. Der Konzern will sich von den Aktivitäten trennen, die nichts mit den Kerngeschäftsfeldern Strom, Gas, Wasser und Abfallentsorgung zu tun haben. Sollte das frei werdende Geld wieder in Energieunternehmen investiert werden, um die Kerngeschäftsfelder zu stärken, steigert dies auch den Unternehmenswert, sprich den Aktienkurs. Sollten außerdem weitere Aktien zurückgekauft werden, profitieren Aktionäre zusätzlich.



RISIKEN:

Im vergangenen Jahr sind die RWE-Aktien bereits gut gelaufen. Sollten sich die Anleger in der zweiten Jahreshälfte - wie von vielen Analysten erwartet - wieder verstärkt den Technologietiteln zuwenden, könnten Versorger wie RWE ins Hintertreffen geraten. Denn eine Dynamik wie in anderen Branchen etwa der Technologie oder der Telekommunikation ist bei RWE nicht zu erwarten. Allerdings gelten die Essener als solider Wert, dessen Abwärtspotenzial begrenzt ist. Weitere Risiken für die RWE-Aktie sehen Analysten darin, dass der Versorger nach dem zurückgezogenen Übernahmeangebot für Hidrocantabrico auch bei anderen möglichen Unternehmensakquisitionen nicht zum Zuge kommt. RWE könnte einerseits zu wenig einkaufen, andererseits befürchten Experten, dass die Essener zu hohe Preise für mögliche Übernahmen bezahlen.  pga

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