Strom statt Marmor
Photovoltaik-Fassaden liefern Strom und heben das Image

Eine Fassade aus Solarzellen bietet nicht nur ästhetischen Genuss. In der Investition ist sie nicht unbedingt teurer als eine matt schimmernde Marmor-Lösung. Die solare Fassade sieht gut aus und mit ihr wird zudem noch Strom produziert. Die Umwelt wird geschont, und die Unternehmen haben noch einen Imagevorteil.

Man spürt sofort sein Engagement für die Sonnenkraft. Stolz präsentiert Prof. Manfred Hegger, Mitinhaber und Vorstandsvorsitzender der HHS Planer + Architekten AG, den Besuchern in seinem Büro in Kassel eine ganze Reihe erfolgreicher Projekte mit gebäudeintegrierten Solarkraftwerken. Die Fotos zeigen ästhetisch schöne, meist innovativ gestaltete Bauwerke. Solche Bilder wirken. Und darauf muss Hegger bei den Bauherren und Investoren setzen: "Nur mit Bildern können wir überzeugen." Rationale Argumente und Wirtschaftlichkeitsberechnungen seien zwar wichtig, aber nicht ausschlaggebend: "Letztlich wirken nur Emotionen", so Hegger.

Hinter dem Kürzel HHS verbergen sich die Architekten Manfred Hegger, Doris Hegger-Luhnen und Günter Schleiff. Energieeffizientes Bauen steht bei ihnen seit Anbeginn der Partnerschaft im Jahr 1980 an erster Stelle. Damit hatten sie nicht den einfacheren Weg gewählt. Selbst von Kollegen belächelt, war der Erfolg besonders in den Anfangsjahren schwer erarbeitet. Mittlerweile haben sich die "Öko-Architekten" längst daran gewöhnt, Pionierarbeit zu leisten. Nicht nur gegenüber den Bauherren, sondern besonders auch gegenüber einigen Behörden, Energieversorgern oder Planern und Ingenieuren.

Stand zunächst im Bereich des ökologischen Bauens die passive Nutzung der Solarenergie im Vordergrund, kamen in den 80er-Jahren Solarkollektoren zur Warmwasserbereitung hinzu. "Hier ist immer noch Entwicklungsbedarf. Denn die Integration von Kollektoren zeigt sich doch schwieriger als die von Photozellen", erläutert Hegger. Nachdem sich die Architekten in den vergangenen zehn Jahren sehr intensiv mit der Photovoltaik beschäftigt haben, ist auch schon eine neue Herausforderung ausgemacht - die solare Kühlung. Damit soll das Thema energieeffizientes Bauen immer weiter rund gemacht werden.

Das eigene Bürogebäude in Kassel mit verglaster Giebelseite und Photovoltaikdach über dem Eingangsbereich kommt zum Beispiel schon ohne Heizung und Kühlung aus. Die Klimatisierung erfolgt über eine zentrale Lüftungsanlage. Beim Bau vor sieben Jahren hätten sich die Stadtwerke gar nicht erfreut gezeigt und versucht, mit überhöhten Gebühren die Photovoltaik zu Fall zu bringen, erinnert sich Hegger.

Solarfassaden kommen für unterschiedliche Gebäudetypen in Betracht. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise das neue Büro- und Fertigungsgebäude von SMA Regelsysteme in Niestetal fertig gestellt. Die Südfassade besteht dabei aus einer Isolierverglasung mit eingebetteten kristallinen Siliziumzellen. Sie verschatten die Halle und liefern bis zu 20,7 kW elektrische Leistung.

Schon 1993 wurden bei der Internationalen Gartenbauausstellung in Stuttgart innerhalb des Projektes "Wohnen 2000" die Möglichkeiten der Photovoltaik-Nutzung im Wohnungsbau eindrucksvoll demonstriert. Besucher der Weltausstellung Expo 2000 konnten die Südfassade der Messehalle 7 bewundern, die mit Photovoltaik-Modulen ästhetisch aufgewertet wurde. Zusammen mit weiteren Modulen auf dem Dach leisten sie bis zu 61 kW.

Hegger rät, das Dach als fünfte Fassade am Haus nicht zu vergessen. Die bis dahin größte dachintegrierte Photovoltaikanlage wurde 1999 auf dem ehemaligen Zechengelände Mont-Cenis in Herne realisiert. Unter einer riesigen Holz/Glaskonstruktion findet man u.a. eine Akademie mit Hotel, eine Bibliothek oder Büros. Die Solarzellen sind unterschiedlich dicht belegt und erzeugen so ein wolkenähnliches Muster. Dachelemente und Fassadenmodule leisten bis zu 1 MW.

"Der Phantasie und mutigem Experimentieren innovativer Architekten und Planer ist es zu verdanken, dass Gebäude entstanden sind, die gerade durch die Integration von Photovoltaik ästhetisch besonders ansprechend sind", urteilt die Energieagentur NRW in Wuppertal. Auch Christian Bendel vom Institut für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) in Kassel sieht den Architekten als koordinierendes Bindeglied zwischen Investoren und der Solarindustrie. Bei ganzheitlichem Ansatz ergäben photovoltaische Fassaden- und Dachelemente völlig neue Nutzungs- und Kostenchancen.

Doch warum setzen sich die Themen energieeffizientes Bauen und Solarfassaden so schwer im Markt durch? "Zum einen liegt dies am Beharrungsvermögen der Architekten, das weiter zu machen, was man an der Hochschule gelernt hat. Zum anderen hat es lange gedauert, bis Unternehmen begriffen haben, dass sie sich auch über das Thema Ökologie profilieren können", erklärt Hegger. Zwar gebe es Architekten, die Photovoltaik grundsätzlich als zu teuer und nicht ausgereift ablehnen. Doch die meisten würden wahrscheinlich einfach nicht an das neue Material denken.

Hegger betont, dass kein Architekturbüro in Deutschland mehr Photovoltaik verarbeitet habe als HHS. Für die Zukunft zeigt er sich optimistisch, setzt auf die Generationenfrage. "Das Thema wird sich mit den heutigen Studenten weiter durchsetzen", so Hegger. Das merke er auch deutlich bei seinen Vorlesungen an der TU Darmstadt: "Die Studenten sehen, dass Ökologie eine Quelle von Innovationen und neuen Ideen ist." Er mahnt, nicht ungeduldig zu werden. Architektur brauche gesellschaftlich relevante Themen, um sich zu erneuern. Klima und Umwelt werde die Gesellschaft sicher über die nächsten 50 bis 100 Jahre beschäftigen.

Photovoltaik müsse einfach mehr und mehr zum Imageträger werden. Genau wie zuletzt Marmor. Bei seriöser Einnahme-Verrechnung durch das Energieeinspeisungsgesetz seien Solarzellen sogar preiswerter als teurer Marmor. Die elektronische Installation sei sehr einfach, der Wartungsaufwand gleich null. Zudem sei die Glasfassade meist leichter zu reinigen. Setzt man Glas mit Lotuseffekt ein, entfalle auch dies. Anbieter seien genügend vorhanden, besonders bei den Solarzellen, wie BP Solar oder Shell Solar. Bei der Einbettung könnte man sich etwas mehr Wettbewerb wünschen.

Hegger hofft, dass sich die Technik in Richtung höherer Effizienz weiterentwickelt und noch viel preiswerter wird. Dann könnte auch seine Vision wahr werden, dass an Stelle der bisherigen zentralen Stromverteilung in 20 bis 50 Jahren so viele Gebäude mit Photovoltaik ausgerüstet sind, dass diese untereinander vernetzt sind und so dezentral Energie austauschen können.

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