Stromgetriebene Kapseln sollen Fracht unterirdisch transportieren
Waren sausen durch die Röhre

Bochumer Forscher haben ein Rezept gegen den Dauerstau im Ruhrgebiet entwickelt. Mit einer Güter-Rohrpost wollen sie Warenströme unter die Erde bringen - zunächst zwischen Duisburg und Dortmund.

HB DÜSSELDORF. Autofahrer wissen es: Im Ruhrgebiet herrscht fast immer Rushhour: ein Albtraum für alle Unternehmer, die just in time produzieren. Bauingenieur Dietrich Stein von der Bochumer Ruhr-Universität, selbst tägliches Stauopfer, dachte sich: "Wasser, Gas, Strom und Fernwärme kommen unterirdisch durch Leitungen in die Stadt, warum also nicht auch Güter?" Also tüftelte der Professor an einer Lösung des Verkehrsproblems, die langsam Gestalt annimmt: ein unterirdisches Rohrleitungssystem, in dem selbst steuernde Frachtkapseln rasen. Die gigantische Rohrpost für das Ruhrgebiet und andere Ballungsräume nennt sich Cargo-Cap.

Vertreter des Landes Nordrhein-Westfalen und der Industrie bekunden großes Interesse, weil sie alle wissen, dass der Verkehrskollaps längst da ist. So versprechen sich die Opel-Werke in Bochum reibungslosere Produktionsabläufe, wenn der Materialfluss zwischen den drei innerstädtischen Werken unterirdisch abliefe. In die Entwicklung ist fast eine Million Euro geflossen. Die Stadt Bochum hat bereits Flächen für die Teststrecke versprochen.

Vorarbeit wurde bereits geleistet

Rund um Bauingenieur Stein hat ein Team aus Wirtschaftswissenschaftlern, Maschinenbauern und Juristen die Vorarbeit geleistet, damit die Frachtkapseln starten können, sobald die Finanzierung steht. Die Kapseln sollen in 15 Metern Tiefe auf einer Strecke zwischen Unna und Duisburg Kaufhäuser, Industriebetriebe und Logistikzentralen einzeln ansteuern können. Die aerodynamisch geformten Kapseln sollen durch 1,6 Meter große Röhren mit 36 Stundenkilometern rauschen. "Das klingt zwar langsam, ist aber im Vergleich zu der Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 bis 15 km/h, die Lastwagen in Ballungsräumen erreichen, recht schnell", argumentiert Bauingenieurin Britta Schößer. Für die Strecke Dortmund - Duisburg bräuchten die Caps nur eine halbe Stunde an Stelle der bei dichtem Verkehr üblichen zweieinhalb Stunden.

Die Wagen fahren computergesteuert, stellen selbst Weichen, halten durch Sensoren einen Zwei-Meter-Abstand zum Vorwagen und werden von einem Kontrollzentrum überwacht. An die oberirdische Schaltzentrale melden die Caps, wo sie gerade sind und wann sie ausgeladen werden müssen. Selbsttätig fahrende Gabelstapler be- und entladen die Wagen in Unter-Tage-Bahnhöfen und füttern Lastaufzüge, die die Fracht nach oben befördern.

Platz für zwei Europaletten

Die Kabinen bieten Platz für zwei herkömmliche Europaletten und vertragen zwei Tonnen Zuladung. Wirtschaftswissenschaftler haben ermittelt, dass 80 % aller Stückgüter mit diesen Paletten transportiert werden. Ganz praxisnah haben sich die Forscher im Bochumer Regionallager von Quelle umgesehen und kamen zu dem Ergebnis: "Alle lieferbaren Artikel außer der Sauna lassen sich mit Cargo- Caps befördern", berichtet Schößer. Entsprechend interessiert ist der Großversand an dem schnellen Röhrensystem.

Allerdings teilt nicht jeder diese Euphorie. In der Chefetage des Duisburger Kaufhofs verspricht man sich wenig von der Lieferung aus der Röhre, weil das Kaufhaus Waren aus fünf bundesweit verstreuten Zentrallagern bezieht. Es sei schwer, Cargo-Caps mit der eigenen Logistik zu verzahnen.

Technisch sind kaum Schwierigkeiten zu erwarten. Das System wird aus herkömmlichen Komponenten zusammengestellt: Die Räder werden durch Drehstrommotoren angetrieben. Für das Tunnelsystem müssen keine Straßen aufgerissen werden, weil ein grabenloses Rohrvortriebssystem - wie im Leitungsbau üblich - eingesetzt werden soll. Dabei frisst sich ein computergesteuerter Bohrkopf durch die Erde. Die Ruhr-Referenzstrecke soll weitgehend unter der A40 verlaufen, allein schon, um Streitereien mit Privatgrundbesitzern aus dem Weg zu gehen. Der Bau von einem Kilometer Doppelröhre soll 4 Mill. Euro kosten. Ein Kilometer Autobahn schlägt mit etwa 10 Mill. Euro zu Buche.

Idee ist nicht neu

Neu ist die Idee allerdings nicht: In Chicago wurde zwischen 1910 und 1956 eine Großrohrpost betrieben. Die US-Chemiefirma Magpane testet derzeit in Florida eine Transportpipeline für Phosphatlieferungen. In Japan soll auf diese Weise Kalk beschleunigt befördert werden.

In den Niederlanden wird an einer 13 Kilometer langen Röhre gearbeitet, die den Amsterdamer Flughafen Schipol mit der Blumenmarkthalle in Aalsmeer und einem nahe gelegenen Güterbahnhof verbinden soll. Der Verkehr in dieser Region ist so stark, dass Schnittblumen schon mal den Kopf hängen lassen, weil auf der Straße wieder nichts vorangeht. Mit unbemannten Wagen sollen Luftfrachtboxen mit bis zu 3,5 Tonnen Gewicht befördert werden. Eine Testanlage in Delft ist bereits funktionstüchtig.

Auch bei der britischen Post hat sich die Idee bewährt: Seit 1927 sind zwei Bahnhöfe und sieben Sortierzentren mit einem unterirdischen Transportsystem verbunden. Fahrerlose Züge sausen mit 60 km/h unter dem immer zähflüssiger werdenden Innenstadtverkehr hindurch und sind damit doppelt so schnell wie Lkw. Die Strecke soll nun verlängert werden. Denn, so ein Sprecher der Royal Mail: "Der Transport ist zu 99 Prozent zuverlässig."

Quelle: Handelsblatt

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