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Studie beschreibt radikalen Freizeit-Wandel

Hamburg (dpa) - Die Menschen in Deutschland verlieren allmählich die Lust an vorgefertigten Massen-Erlebnissen in Freizeitparks, Kinotempeln und Fernsehen. Statt dessen suchen sie ihre Erfüllung lieber zu Hause, mit Freunden oder zum Beispiel in lehrreichen Naturparks, berichtet das Zukunftsinstitut.

Hamburg (dpa) - Die Menschen in Deutschland verlieren allmählich die Lust an vorgefertigten Massen-Erlebnissen in Freizeitparks, Kinotempeln und Fernsehen. Statt dessen suchen sie ihre Erfüllung lieber zu Hause, mit Freunden oder zum Beispiel in lehrreichen Naturparks, berichtet das Zukunftsinstitut.

«Viele Leute sagen, sie möchten neben der Arbeit etwas Sinnvolles tun», erläutert Studienautor Eike Wenzel. Bewusster leben und erleben, ökologisch statt luxuriös einkaufen, auf sich selbst statt auf die zuletzt ausgerufene Mode hören, entschleunigen statt exotisch verreisen - geht es nach den Trendforschern, bevölkern souveräne, selbstbestimmte Genussmenschen die Zukunft.

Die Mitte Juni erscheinende Studie «Die neuen (Frei-)Zeitmärkte» beschreibt das mit einer Kanonade markiger Begriffe. Zur Steigerung der Genauigkeit teilen die Trendforscher die Gesellschaft in neun Gruppen ein. «Postmaterielle Genießer» etwa, mit 21 Prozent heute die größte Gruppe in Deutschland, liebten es vor allem, mit Freunden oder Familie bewusst in den Tag hineinzuleben. Die «Offliner» (12 Prozent) zeichnen sich indessen vorrangig dadurch aus, dass sie daheim ihre Handys und Computer ausschalten.

Die Typologie erscheint - wie dies Kritiker auch früheren Studien des Zukunftsinstituts vorwarfen - unscharf. Entwickelt wurde die Einteilung nicht nach wissenschaftlichem Lehrbuch, sondern eher «feuilletonistisch», wie Wenzel einräumt. Die Trendforscher stellten zunächst ihre Kategorien auf. Das Institut TNS Emnid ließ dann 1000 Befragte in einer repräsentativen Umfrage entscheiden, zu welchem Freizeittyp sie sich am ehesten zuordnen.

In weiteren Fragen erhärtet sich das Bild: 90 Prozent wollen ihre Freizeit vor allem mit ihrer Familie oder Freunden erleben, für 91 Prozent bedeutet Freizeit, dass ihnen dabei niemand dreinredet. Nur 38 Prozent der Befragten geben dagegen an, Freizeit bedeute für sie vor allem «lustvolles Konsumieren», beispielsweise beim Einkaufen, Fernsehen oder Besuchen von Restaurants oder Kneipen.

Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder gibt man seine Lust am Konsum bei einer Umfrage ungern zu - oder die Kommerzialisierung der Freizeit stößt wirklich an Grenzen. «Massenattraktive Angebote», sagt die Studie voraus, werden es «in den nächsten Jahren immer schwerer haben». Auch dem Fernsehen widmen sich die Deutschen offensichtlich mit wenig Hingabe. Nur vier Prozent bekennen sich dazu, mit Vorliebe TV-Sportereignisse oder Shows zu genießen. «Medienkonsum ist mittlerweile bei vielen Menschen Zeitresteverwertung und Passivität pur.» Als gelungene Beispiele für moderne Freizeitgestaltung mit Lerneffekt und Identitätsstiftung wird das Gießener Mitmachmuseum Mathematikum oder der Tropengarten Biosphäre in Potsdam genannt.

«Das Denken in dem Gegensatzpaar Freizeit versus Arbeit hat sich überlebt», resümiert das Zukunftsinstitut rundheraus. Lebenslanges Lernen, Ehrenamt, Sinnstiftung nach Feierabend stehe dagegen im Focus. Dass Teile der Wirtschaft gerade dabei sind, den Arbeitnehmern wieder längere Arbeitszeiten abzufordern, dass viele ihren Freizeit- und Urlaubskonsum schlicht aus Geldknappheit einschränken, wie dies der Hamburger Freizeitforscher Horst W. Opaschowski unlängst feststellte, sieht das Szenario von Trendguru Matthias Horx nicht vor.

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