Studie fürs Bundesfinanzministerium
Mehr Markt bei privater Krankenversicherung

Vielen Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV) droht im Alter ein Dilemma, das den gesetzlich Versicherten fremd ist: Ein Wechsel des Anbieters ist für sie kaum oder nur mit hohen Kosten möglich.

DÜSSELDORF. Vielen Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV) droht im Alter ein Dilemma, das den gesetzlich Versicherten fremd ist: Ein Wechsel des Anbieters ist für sie kaum oder nur mit hohen Kosten möglich. "Spätestens ab 55 Jahren oder bei einer chronischen Krankheit wird es ganz schwierig", sagt der Hamburger Versicherungsberater Rüdiger Falken.

Die PKV prüft, anders als die gesetzlichen Kassen, den Gesundheitszustand eines potenziellen Kunden. Die Chance auf einen bezahlbaren Tarif haben daher nur Gesunde. Zudem bilden die privaten Krankenversicherer für ihre Kunden Altersrücklagen. Die aber kann der Kunde beim Wechsel zu einem anderen Anbieter nicht mitnehmen.

Kritiker fordern daher seit langem eine Möglichkeit, die Rücklage zu übertragen. Die Branche hält dagegen, dies sei nicht möglich. Auch Wolfgang Römer, Ombudsmann der Versicherer, sieht keine Chance für derartige Modelle, obwohl er die einschränkte Freiheit der Kunden sehr bedauert. "Es würde zu einer Entmischung kommen", sagt Römer. Das heißt: Gesunde Kunden würden von teuren zu günstigen Anbietern wechseln. Die schlechten Risiken bleiben beim teuren Anbieter zurück - und für sie würden die Kosten und daher auch die Prämien ins Unermessliche steigen.

Möglicherweise gäbe es aber doch eine Chance, der PKV wirklich ein Mehr an Markt einzuhauchen. Ulrich Meyer von der Uni Bamberg hat dazu ein Modell entwickelt. Und Volker Meier vom Ifo-Institut erarbeitet zu dem Thema bis Ende Juli ein Gutachten für das Bundesfinanzministerium.

Nach Meyers Modell müsste für jeden Kunden individuell ausgerechnet werden, welche Krankheitskosten auf Grund seines Alters und seines Gesundheitszustandes noch bis zum Ende seines Lebens zu erwarten sind - also eine dem Gesundheitszustand angemessene Rücklage. Wenn der Kunde diese mitnehmen kann, findet er auch einen neuen Anbieter - der bekommt zwar unter Umständen einen kranken Kunden, aber dann auch eine besonders hohe Rücklage. Folge: Die gefürchtete "Entmischung" fände nicht statt. Der Professor sieht allerdings selbst noch schwierige Detailprobleme - etwa wer "objektiv" den Gesundheitszustand mit Zahlen bewertet?

Für Ifo-Experte Meier ist dieses Modell unstreitig das Ideal. "In der Praxis wird es aber häufig zu Prozessen zwischen dem alten und dem neuen Versicherer kommen." Sein eigener Lösungsvorschlag läuft daher auf einen Mittelweg hinaus: Der Kunde kann einen Teil der Rücklagen mitnehmen. Damit würde der Wechsel billiger für den Kunden, aber die gefürchtete Entmischung würde gebremst werden.

Daneben sind noch weitere Möglichkeiten denkbar. Klaus-Dirk Henke von der TU Berlin nennt zum Beispiel einen Annahmezwang wie er in der KFZ-Haftpflichtversicherung besteht - der Versicherer muss also den Kunden nehmen. Auch hier ließe sich die gefürchtete Entmischung verhindern, weil Kranke ebenfalls den Anbieter wechseln könnten. Allerdings würde sich damit letztlich das gesamte System verändern. Zurzeit nämlich subventioniert die PKV die gesetzlichen Kassen (GKV) indirekt, weil die privaten Kunden höhere Sätze bezahlen. Dafür - und diesen Umkehreffekt schätzt Meyer als höher ein - subventioniert aber auch die GKV die PKV, weil sie alle Patienten und nicht nur Gesunde als Neukunden nimmt.

Ein Annahmezwang liefe nach Ansicht von Meier aber auf einen unerwünschten Einheitstarif hinaus. "Damit würden marktwirtschaftliche Mechanismen außer Kraft gesetzt", sagt er - und genau das Gegenteil davon wolle man ja schließlich erreichen.

Auch die Krankenversicherer wehren sich gegen eine Systemänderung, nur die Allianz ist eine Ausnahme: Sie hat von Wissenschaftlern ein völliges neues Modell entwickelt, bei dem die Grenzen zwischen PKV und GKV eingerissen werden. Stattdessen wird nach Grund- und Zusatzbedarf unterschieden und Schritt für Schritt insgesamt eine Kapitaldeckung eingeführt. Bei diesem Modell wäre ein einfacher Wechsel somit möglich.

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