Studie stellt Bildungspolitik des Stadtstaats ein Armutszeugnis aus
Bremen leidet unter dem Pisa-Schock

Das miserable Abschneiden Bremens bei der Pisa-Studie ruft die dortige Wirtschaft auf den Plan. Ohne eine Verbesserung der Bildungspolitik drohe dem Stadtstaat finanzieller Schaden, heißt es übereinstimmend.

HAMBURG. Um Bremer Ärzte macht Detlef Hegemann einen Bogen. Wenn sein jährlicher Gesundheitscheck ansteht, fährt der 74-Jährige an den Starnberger See. "Sie finden nirgends so qualifizierte Ärzte wie in Bayern. Da hat sich die Bildungspolitik der letzten Jahre schon in der Berufswahl ausgewirkt", meint der Chef einer der größten mittelständischen Werft-und Bauunternehmen mit mehr als 1 000 Mitarbeitern am Standort Bremen.

Auch in geschäftlicher Hinsicht macht die Bremer Bildungsmisere Hegemann große Sorgen. "Was die Pisa-Studie jetzt belegt, ist ein Trauerspiel für Bremen", sagt Hegemann dem Handelsblatt. Er befürchtet, dass der Wirtschaftsstandort Bremen wegen der Pisa-Ergebnisse Nachteile erleiden wird: Unternehmer, die sich in Deutschland neu ansiedeln wollen, könnten dem norddeutschen Stadtstaat den Rücken kehren.

Hegemanns Sorgen sind nicht unbegründet: Das SPD/CDU geführte Bremen bildet nach den gestern veröffentlichten Ergebnissen der nationalen Pisa-Studie das Schlusslicht. "Bildung ist ein wichtiger Standortfaktor. Das Urteil von Pisa bedeutet deshalb für Bremen einen erheblichen Imageschaden", erklärt der Sprecher des Wirtschaftssenators Josef Hattig (CDU).

Landesbank sieht Wirtschaftsstandort nicht gefährdet

Auch die Handelskammer Bremen bewertet das drohende Pisa-Urteil als herben Rückschlag. "Hätten Hamburg und Berlin an der Studie teilgenommen, wären Bremen möglicherweise aus dem Brennpunkt geraten", sagt ein Sprecher der Handelskammer. "So müssen wir nun die negativen Schlagzeilen einstecken." Die dürften allerdings nicht allzu sehr überraschen. Denn auch aus einer aktuellen Handelskammer-Studie geht hervor, dass Unternehmen am Standort Bremen vor allem "die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger" bemängeln.

Allerdings bewertet die Bremer Landesbank, der größte Finanzgeber des Stadtstaates, das Bildungswesen nicht als entscheidendes Kriterium bei der Wahl des Firmensitzes. "Für die Unternehmen sind andere Faktoren wie Infrastruktur, Steuern, Preis- und Lohnkostenniveau wichtig", erklärt ein Bankensprecher. "Wir sehen deshalb durch die Pisa-Studie keine unmittelbaren Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Bremen", heißt es überraschend optimistisch.

In jedem Fall könnten andere Bundesländer von dem Armutszeugnis profitieren, das Pisa der Bremer Bildungspolitik ausstellt. So befürchtet der Bremer Wirtschaftssenat offenbar, dass Einwohner möglicherweise verstärkt ins Umland ziehen, um ihren Kindern dort eine bessere Schulausbildung zu ermöglichen. "Wenn die Einwohner aus Bremen wegziehen, hätte dies natürlich negative Konsequenzen für unsere Steuereinnahmen", räumt der Wirtschaftssenator ein. Um dem entgegenzuwirken, müsste der zuständige Senator Willi Lemke (SPD) für eine zügige Verbesserung der Bremer Bildungspolitik sorgen.

Der Autokonzern Daimler-Chrysler indes hält die Furcht vor Abwanderungen für überzogen. Das weltweit tätige Unternehmen beschäftigt in seiner Bremer Automobilproduktion mehr als 16 000 Mitarbeiter, von den die Hälfte ohnehin bereits in Niedersachen wohnen und Pendler sind. "Ich kann nicht einschätzen, ob sich wegen der Pisa-Studie dieser Anteil weiter zu Lasten Bremens verschieben wird", sagt ein Firmensprecher.

Sollte es allerdings zu Abwanderungen kommen, könnte das Bremens Wirtschaft erneut schwer belasten. Dabei hatte der Stadtstaat nach dem Zusammenbruch des Werftenkonzerns Bremer Vulkan 1996 erhebliche Mühen, wirtschaftlich wieder aus der Talsohle herauszukommen. Im vergangenen Jahr lag das Wirtschaftswachstum mit 1,2 % immerhin deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 0,6 %. Außerdem konnte Bremen mit seinen mehr als 500 000 Einwohnern 2001 erstmals auch die Abwanderungswelle stoppen.

Grüne wollen Bildungsetat aufstocken

Im Unterschied zu Wirtschaft und Politik sieht die Dienstleistungs-Gewerkschaft Verdi die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pisa-Studie auf den Stadtstaat gelassen. "Ich erkenne für Bremen zwar einen Imageschaden, aber keine nachteiligen wirtschaftlichen Folgen", erklärt der Bremer Verdi-Geschäftsführer Wolfgang Schäfer. Dennoch sei es dringend notwendig, neue Bildungskonzepte zu erarbeiten, um künftigen Schaden abzuwenden. Die Gewerkschaft werde sich deshalb bereits in Kürze mit Bildungssenator Lemke zusammensetzen, um Wege aus der Pisa-Krise Bremens zu erörtern.

Härtere Töne schlägt dagegen die Grünen-Fraktion in Bremen an. "Wenn nur fünf Cent von jedem Euro, der in die Wirtschaftsförderung fließt, zusätzlich für die Förderung von Kindern ausgegeben würde, bräuchten wir uns im Bundesland Bremen weniger Sorgen um die Zukunft zu machen", betont der Grünen-Politiker Dieter Mützelburg. Statt dreistellige Millionenbeträge in Prestige-Objekte wie Musicals oder den Ausbau des Fußball-Stadions zu stecken, sollte massiv Geld in unseren Bildungsetat fließen.

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