Studie
Türken fühlen sich als Bürger zweiter Klasse

Rund 40 Jahre ist es her, dass die ersten Züge mit den damals so genannten Gastarbeitern aus der Türkei in deutsche Bahnhöfe einrollten. Meist blieben die Arbeiter jedoch keine Gäste.

dpa BERLIN. Inzwischen sind Türken fester Bestandteil der Gesellschaft in Deutschland - längst gehören die Döner-Bude oder der türkische Gemüsehändler um die Ecke zum Alltag. Einer neuen Studie zufolge akzeptieren sie inzwischen die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik sogar stärker als die Deutschen. Trotzdem fühlen sich fast 70 Prozent von ihnen als Bürger zweiter Klasse.

Nach der am Dienstag in Berlin präsentierten Studie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung sind die Türken in Deutschland mit ihrer persönlichen Situation, ihrer finanziellen Lage und ihren Zukunftsaussichten ebenso zufrieden wie die Deutschen selbst. Die Mehrheit fühle sich dennoch subjektiv benachteiligt und unwohl, sagte Bülent Arslan, Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums Nordrhein Westfalen (NRW).

"Es gibt keine durchgängige Identifikation mit Deutschland", erklärte Arslan, dessen Institut Final Consulting die repräsentative Studie "Türken in Deutschland" durchgeführt hatte. Allerdings hätten auch die Deutschen Probleme damit, die in der Bundesrepublik lebenden Türken vollkommen zu akzeptieren.

Sprache bleibt Integrationsfaktor

Das private Leben der mit 2,1 Millionen Türken stärksten Ausländergruppe sei im Wesentlichen auf die eigene türkische Gruppe beschränkt, lautet ein Ergebnis der Umfrage. Sie ist die erste Untersuchung, die auf persönlichen Interviews basiert. Knackpunkt bleibe deshalb, die Integration zu verbessern - und dies müsse schnell geschehen, fordert Arslan.

"Wichtigster Faktor bei der Integration ist die Sprache", sagt Arslan. In der Freizeit verwendeten nicht einmal ein Fünftel der Türken die deutsche Sprache; etwa ein Drittel spreche außerhalb der Arbeit beide Sprachen gleichwertig. Das, obwohl die überwältigende Mehrheit seit über zehn Jahren hier lebt. Falls positive Anreize nicht ausreichten, müsse es eben zur Pflicht werden, die deutsche Sprache zu erlernen. "Das ist allerdings nicht das alleinige Allheilmittel, sondern nur ein erster Schritt", warnte er vor übertriebenen Erwartungen an Pflichtsprachkurse.

Gleichstellung vor Abbau der Arbeitslosigkeit

Wegen des Zweite-Klasse-Gefühls stehen bei der türkischstämmigen Bevölkerung auch die Bekämpfung des Rechtsradikalismus sowie die Gleichstellung ganz oben auf der politischen Wunschliste. Der Abbau der Arbeitslosigkeit, der wichtigste Wunsch der Deutschen, folgt trotz einer relativ höheren Anzahl an Arbeitslosen unter den Türken erst an dritter Stelle. Der Besitz eines deutschen Passes ändert der Untersuchung zufolge wenig an dem weit verbreiteten Gefühl, benachteiligt zu werden.

Dennoch könnte die doppelte Staatsbürgerschaft eine Lösung sein. Gerade bei der Sprache zeige sich, dass Türken mit deutschem Pass besser integriert seien. Sie sprechen auch in der Freizeit mehr deutsch als türkisch. Außerdem bestehe der Bekanntenkreis vermehrt aus Deutschen. Etwas mehr als zwei Jahre nach der Einführung des neuen Staatsangehörigkeitsrechts haben zirka 500 000 oder knapp ein Viertel der in der Bundesrepublik lebenden Türken einen deutschen Pass. Arsen setzt hier auf den Faktor Zeit: "Ich rechne damit, dass in zehn Jahren 80 bis 90 Prozent der Türken die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen."

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