Studieren in den Niederlanden
Das Flair von Maastricht

Kleine Gruppen, viel Eigenverantwortung - so funktionieren die meisten Seminare an der Universität von Maastricht. Nun werben Unis in den Niederlanden auch verstärkt um deutsche Abiturienten. Sie dienen dabei als Mittel zum Zweck.

MAASTRICHT. Mit flinken Bewegungen blättert Julia Langenohl durch ihre Unterlagen. Gleichzeitig referiert die 19-jährige Studentin in fließendem Englisch über die Ziele einer mittelständigen Logistikfirma in den Niederlanden. Ihre elf Kommilitonen lauschen aufmerksam. Die Gruppe des Studiengangs "internationale Betriebswirtschaft" soll ein neues Logistikkonzept für eine virtuelle Firma erarbeiten. Der Dozent sitzt zwar mit in dem kleinen, hellen Gruppenraum, aber er hält sich zurück. Die Diskussionsführung hat er einem seiner Studenten übertragen.

"Problemgesteuertes Lernen" heißt das Konzept. "In der Diskussion mit den anderen Studenten lerne ich viel mehr als beim Auswendiglernen irgendeines Buches", sagt Julia Langenohl.

Sie studiert im zweiten Semester in Maastricht und ist damit eine von über 14 000 Deutschen, die ihre akademische Laufbahn lieber in den Niederlanden als in Deutschland beginnen. Ein Grund dafür ist eben der Unterricht in Kleingruppen. "Mit den überfüllten Hörsälen in Deutschland hat das gar nichts zu tun", freut sich Julia.

Die Niederlande stehen in der Hitliste der deutschen Abiturienten ganz oben. Vor zehn Jahren waren noch Großbritannien und die USA wesentlich beliebter als das nahe Holland. Aber die niederländischen Hochschulen haben Ende der 90er-Jahre eine regelrechte Offensive gestartet, um ausländische Studierende, insbesondere Deutsche, in das kleine Polderland zu locken - mit Erfolg. "Wir wollen eine Internationalisierung unserer Hochschulen. Wir wollen unsere Studierenden auf den internationalen Arbeitsmarkt vorbereiten, und dafür brauchen wir auch in den Bildungseinrichtungen eine internationale Atmosphäre", sagt Jo Ritzen. Er ist heute Rektor der Maastrichter Universität, war neun Jahre lang Bildungsminister in Den Haag und Vizepräsident der Weltbank.

Ritzen ist überzeugt, dass die europäischen Hochschulen sich mehr als Unternehmen begreifen müssen. "Bei uns weiß heute jeder Dekan ganz genau, wie er sein Geld bekommt, und dementsprechend wirtschaftet er", sagt Ritzen. Schließlich sagen Prognosen einen allgemeinen Rückgang der Studierendenzahl in Europa für die kommenden Jahrzehnte voraus. Der Wettbewerb unter den Hochschulen wird also weiter zunehmen.

Unter Ritzens Führung wurde deshalb in den Niederlanden vor einigen Jahren das gesamte Finanzierungskonzept der Hochschulen umgestellt. Die Fakultäten bekommen nun Staatsgelder für jeden Studierenden und jeden Absolventen - immerhin zwischen 10 000 und 20 000 Euro pro Diplomierten. "Das schafft Anreiz, möglichst viele Studierende anzulocken und auch erfolgreich durch das Studium zu bringen", sagt Ritzen.

Um ihr Einzugsgebiet zu erweitern, haben sich vor fünf Jahren 30 niederländische Hochschulen zusammengeschlossen und die Internetseite "Studieren in Holland" ins Leben gerufen. Hier finden interessierte Deutsche alle Informationen zum Studium in Holland. Zusätzlich bietet die deutsche Firma Educon im Auftrag der Hochschulen Informationsseminare und individuelle Vorbereitungskurse für Deutsche an, die gerne in die Niederlande gehen möchten. "Es ist eine echte Charme-Offensive der Niederländer. So sichern sie sich auch viele hochqualifizierte Arbeitskräfte, die nach ihrem Studium in den Niederlanden bleiben", sagt der Educon-Geschäftsführer Peter Stegelmann. Maastricht ist dabei besonders erfolgreich: 30 Prozent der 12 000 Studierenden kommen aus Deutschland, weitere 20 Prozent aus dem übrigen Ausland.

Gründe dafür gibt es viele. Julia Langenohl kommt aus Wuppertal, gute 100 Kilometer von Maastricht entfernt, und wollte nicht zu weit weg von Zuhause studieren. "Mir war die internationale Komponente wichtig, und hier in Maastricht werden alle Kurse in Englisch gehalten. Deshalb habe ich mich für diese Universität entschieden", erzählt die Studentin. Insgesamt bieten die niederländischen Hochschulen über 2000 Studienprogramme in Englisch an.

Einige Deutsche kommen auch nach Holland, um dem heimischen Numerus Clausus zu entgehen - zum Beispiel für Psychologie. Immerhin 350 Deutsche studieren dieses Fach in Maastricht - ohne Zugangsbeschränkung. Und einige Fächer - wie zum Beispiel Fair Trade Management - gibt es nur in Holland.

Und als i-Tüpfelchen sind dann auch noch die Jobaussichten besonders rosig: 90 Prozent der Absolventen aus Maastricht finden innerhalb von drei Monaten einen Arbeitsplatz - das ist absolute europäische Spitze.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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