Sturm und Drang
Kabel New Media will gegen den Trend expandieren

Während sich die meisten Online-Agenturen gesund schrumpfen, will Kabel New Media dem Trend trotzen und weiter expandieren. Das sagte Gründer Peter Kabel im Netzwert-Gespräch.

In Skandinavien und den USA entlassen Framfab, Marchfirst und Razorfish ihre Mitarbeiter zu Tausenden, und wo es noch läuft mit dem Gestalten von Web-Seiten und der Beratung, da wachsen die Unternehmen langsamer, da tauchen Verlustquartale auf oder da wird die Expansion ins Ausland zurückgeschraubt. Die Multimedia-Agenturen und Internet-Berater - sie sind in schwerer See.

Auch wenn das Unwetter Deutschland bislang kaum erfasst hat, zeigen sich finstere Wolken. Sie türmen sich auf über Pixelpark und Concept, Sinner Schrader und Kabel New Media. Und die unzähligen kleineren Konkurrenten wie Antwerpes und Red Ant mischen mit im Geschäft, lassen den Himmel über dem Marktsegment der technisch-gestalterischen Internet-Dienstleister noch eine Nuance düsterer erscheinen.

Die Konsolidierung ist unausweichlich, und die Zeiten, in denen Gründer wie Peter Kabel wie Popstars bewundert wurden, sind vorbei. Wie soll es weiter gehen? Netzwert sprach mit Peter Kabel, Gründer und Vorstand von Kabel New Media, über seine Agentur und die multimediale Branche.

Herr Kabel, selbst die klassischen Unternehmensberatungen wissen inzwischen, wie das Geschäft mit dem Netz funktioniert. Wer braucht noch Web-Agenturen wie Kabel New Media?

Unsere Arbeit endet nicht wie bei den klassischen Beratungen damit, eine Folie zu schreiben. Es stimmt zwar: Die Berater haben erhebliche Fortschritte gemacht. Doch es macht den Sex-Appeal einer Strategieberatung aus, sich im Gegensatz zu uns nicht den Widrigkeiten des Lebens auszusetzen und Projekte auch zu realisieren. In einigen Bereichen stehen wir zwar in direktem Wettbewerb zu den Unternehmensberatungen, aber ich spüre keine größere Konkurrenz. Bei vielen Projekten arbeiten wir auch mit Gesellschaften wie McKinsey oder der Boston Consulting Group zusammen.

Die Anleger scheinen nicht unbedingt daran zu glauben, dass Unternehmen wie Kabel New Media eine Zukunft haben. Der Aktienkurs ist von fast 82 Euro auf bis zu 7 Euro gefallen, jetzt liegt er bei etwa 11 Euro. Ist Kabel New Media ein Übernahmekandidat?

Ich wüsste nicht, warum sich Kabel New Media derzeit übernehmen lassen sollte. Wir haben gezeigt, dass wir unsere Prognosen umsetzen, haben ein schönes Wachstum und schreiben nach einer 24 Monaten dauernden Phase wieder schwarze Zahlen. Der jetzige Börsenkurs ist unattraktiv für jemanden, der Aktien und damit einen Teil des Unternehmens verkaufen wollte. Außerdem halte ich 25 Prozent und habe damit eine qualifizierte Minderheit, so dass ein Verkauf an mir nicht vorbeigehen könnte.

Schmerzt der Sturz nicht trotzdem?

Man investiert viel Blut, Schweiss und Tränen in so eine Firma. Ich werde alles dransetzen, dass sie Zukunft hat. Als Vorstandsvorsitzender und damit Arbeitnehmer einer börsennotierten Gesellschaft mache ich diesen Job, bis der Aufsichtsrat sagt, dass ich gehen soll. Aber ich habe jetzt wieder Blut geleckt. Bei glatter See und Sonnenschein kann jeder segeln, ich finde es spannend, wenn es stürmisch ist. Jetzt können wir zeigen, dass wir auch bei Sturm unser Schiff auf Kurs halten, auch wenn ich weiß: Wenn die Aktie von Kabel New Media in drei Jahren nicht über 60 Euro notiert, wird es uns vielleicht gar nicht mehr geben.

Angeblich plant Kabel New Media eine Kapitalerhöhung von 15 Millionen Euro. Geht Ihnen das Geld aus?

Unsere Barmittel waren mit acht bis neun Millionen Euro nicht sehr komfortabel. Für eine Kapitalerhöhung ist aber jetzt der falsche Zeitpunkt. Wir konnten das US-Unternehmen Global Emerging Markets gewinnen, das sich verpflichtet hat, eine Kapitalerhöhung durchzuführen - aber erst dann, wenn Kabel New Media es will.

Sie haben in den vergangenen 18 Monaten elf Unternehmen übernommen. Brauchen Sie Geld für weitere Übernahmen?

Wir wollen auch weiterhin expandieren. In den nächsten Jahren rechnen wir mit einem organischen Wachstum von 40 bis 70 Prozent. Das ist noch nicht genug, deswegen wird es auch die eine oder andere Übernahme noch geben. Wenn sich dort, wo wir noch nicht präsent sind, in Frankreich, Italien und Spanien, Kaufgelegenheiten bieten, werden wir nicht zögern.

Ihr Konkurrent Pixelpark hat Schwierigkeiten bei der Integration der übernommenen Firmen....

Wir haben kleinere Unternehmen gekauft. Das ist eine bessere Strategie, als ein großes Unternehmen zu übernehmen und dann restrukturieren zu müssen. Mir reichen die Probleme auch so. Wir haben erhebliche Mittel investiert, um ein SAP-System aufzubauen, das es uns zum Beispiel ermöglicht, die Arbeit eines Mitarbeiters in Aachen zu prüfen. Damit ist für mich transparent, was im Unternehmen passiert. So etwas erleichtert die Integration, auch wenn sie noch nicht abgeschlossen ist.

In welche Richtung soll sich Kabel New Media inhaltlich entwickeln? Ist das mobile Internet die Zukunft?

Wir machen schon heute zwischen fünf und zehn Prozent unseres Umsatzes mit mobilen Internet-Diensten. Jeder jammert über Wap, weil es so langsam ist. Ich will mit Wap aber nicht lange surfen, sondern mich unterwegs schnell informieren. Wap ist langsam, aber es gibt noch viel langsamere Möglichkeiten, sich zu informieren, und andererseits viele sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Wap. Ein Beispiel - lachen Sie nicht - ist der Kauf von Staubsaugerbeuteln. Es ist eine relativ komplexe Sache, den richtigen Beutel zu kaufen. Sowohl meine Putzfrau als auch ich scheitern regelmäßig daran. Dabei könnte der Staubsaugerhersteller doch eine Wap-Adresse mitliefern. Wenn der Beutel voll ist, drücke ich den Bestellknopf, und dann landet der richtige Beutel bei mir im Briefkasten.

Die Agentur-Branche leidet auch darunter, dass potenzielle Kunden kein Geld verdienen und sich Beratungen nicht leisten können. Welche Perspektiven haben die Dienstleister dann? Wann wird die Kündigungswelle nach Deutschland schwappen?

Erstens: Wir stellen weiterhin Personal ein. Zweitens: Der allergrößte Teil unserer Kunden kommt aus der klassischen Wirtschaft. Und was die Dotcoms angeht: Online-Medien werden nie in die schöne Situation kommen, Geld zu verdienen. Wer Inhalt im Internet produziert, kann sich langfristig nicht nur über Werbung finanzieren. Irgendwann werden die Online-Medien den Nutzern sagen müssen: Es ist Schluss - Du bezahlst jetzt.

Wenn die Medien ihr Angebot personalisieren würden, könnten sie für Inhalte auch Geld verlangen. Ich will morgens in der Küche auf einem kleinen Display die wichtigsten Nachrichten lesen, auf dem Weg zur Arbeit hätte ich dann gerne die Börsenkurse meiner Mitbewerber, im Büro würde ich mir die Branchennachrichten wünschen und in der Mittagspause Vermischtes. So ein Angebot wird es aber erst geben, wenn man Geld damit verdienen kann.



Das Gespräch führten MyriaMildenberger und Nina Streeck.

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