„Sturmgeschütz der Demokratie“
Spiegel-Herausgeber Augstein gestorben

Der Gründer und Herausgeber des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", Rudolf Augstein, ist tot. Der 79-Jährige sei zwei Tage nach seinem Geburtstag am Morgen in Hamburg an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben, teilte die Verlagsgruppe am Donnerstag auf ihrer Internetseite mit.

Reuters HAMBURG. Die Spiegel-Mitarbeiter zeigten sich bestürzt über den plötzlichen Tod Augsteins, der den Journalismus in Deutschland nach dem Krieg wie kein anderer prägte. "Es ist, als wäre ein Vater gestorben", erklärte der stellvertretende Chefredakteur Joachim Preuß. Die neue "Spiegel"-Ausgabe werde in weiten Teilen dem Gründer gewidmet. Vertreter aus Politik und Medien würdigten Augstein als couragierten Journalisten, der als Vorbild für viele Kollegen die Politik Deutschlands mitgestaltet habe.

Bundespräsident Johannes Rau beschrieb Augstein als brillanten und unbestechlichen Analytiker. "Mehr noch als das war er aber ein unbeugsamer Demokrat, der sich kämpferisch einmischte in die öffentlichen Angelegenheiten." Seine Lebensleistung habe ihn selbst zu einem Teil deutscher Geschichte gemacht. "Unser Land ist ärmer ohne ihn." Helmut Markwort, Chefredakteur des Konkurrenzmagazins "Focus", erklärte, er habe großen Respekt vor dem Lebenswerk des "Spiegel"-Gründers. Augstein habe viel für die Pressefreiheit in Deutschland durchgesetzt.

Er prägte den Journalismus in Deutschland

Augstein trieb mit seinem Magazin vor allem den Enthüllungsjournalismus in Deutschland voran. "Der Spiegel" deckte unter seiner Führung zahlreiche politische Skandale auf und erregte immer wieder den Zorn der Regierenden. "Als Sturmgeschütz der Demokratie" bezeichnete Augstein, der 1962 wegen des Verdachts des Landesverrats 102 Tage im Gefängnis saß, das Magazin. Bis zuletzt schrieb Augstein im "Spiegel" und widmete sich vor allem historischen Themen. "Wer den "Spiegel' liest, kommt an Rudolf Augstein nicht vorbei", hieß es in der Presse zu seinem 75. Geburtstag. 1999 wurde er zum "Journalisten des Jahrhunderts" gewählt.

Augstein übernahm im Alter von 23 Jahren die Leitung des Magazins "Diese Woche", das seit 1947 unter dem Titel "Der Spiegel" erscheint. Mit bissigen Kommentaren kritisierte er in den 50er- und 60er-Jahren die Politik von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Nach der Veröffentlichung des Artikels "Bedingt abwehrbereit" über ein NATO-Manöver ließen Adenauer und sein Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Augstein verhaften. Die Vorgänge um die so genannte Spiegel-Affäre zwangen Strauß schließlich zum Rücktritt. Das Strafverfahren gegen Augstein wurde 1965 aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Immer Position bezogen

Augstein bezog politisch immer Position. Er unterstützte die Ostpolitik von Willy Brandt und trat ab 1989 für die Wiedervereinigung ein. "Man musste für oder gegen Adenauer sein, für oder gegen Strauß, für oder gegen die Ostpolitik und die Nachrüstung - die Geschichte der Bundesrepublik hat der 'Spiegel' eben mitgeschrieben", beschrieb "Die Zeit" die Rolle des Magazins zu seinem 50-jährigen Bestehen.

In den 70er-Jahren wagte Augstein selbst einen Ausflug in die Politik, der aber schon nach kurzer Zeit endete. Bei der Bundestagswahl 1972 trat der Journalist im Wahlkreis Paderborn für die FDP gegen Rainer Barzel (CDU) an und kam über die Landesliste ins Parlament. Schon nach drei Monaten schied Augstein aber wieder aus - offiziell wegen der Kündigung des damaligen "Spiegel"-Chefredakteurs Günter Gauss.

Augsteins demokratischer Anspruch spiegelte sich aber offenbar nicht immer im eigenen Führungsstil wider. Ein früherer Kollege beschrieb ihn als "Control Freak" und "Despot". Augstein war in fünfter Ehe mit der Galeristin Anna Maria Hürtgen verheiratet und war Vater von vier Kindern.

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