Suche nach bin Laden "wie nach der Nadel im Heuhaufen"
Taliban-Herrschaft steht vor dem Ende

Gut zwei Monate nach den Terroranschlägen in den USA steht die Herrschaft der Taliban in Afghanistan offensichtlich vor dem Ende. Nur einen Tag nach dem Fall von Kabul hatte die Nordallianz am Mittwoch bereits nahezu Zweidrittel des Landes unter ihrer Kontrolle. Ob dazu auch das Taliban-Machtzentrum Kandahar gehörte, blieb zunächst widersprüchlich.

dpa ISLAMABAD/NEW YORK. Die Nordallianz und der arabische Fernsehsender El Dschasira meldeten am Mittwoch übereinstimmend die Einnahme des geistigen und politischen Machtzentrum der Radikalislamisten. Die Stadt sei in der Hand von örtlichen, mit der Nordallianz verbündeten Kommandeuren, sagte der Botschafter der afghanischen Exilregierung in Tadschikistan, Said Ibragim Chikmat, in Duschanbe. Die Einwohner von Kandahar hätten sich gegen die Taliban erhoben. Diese bestritten die Angaben. "Das sind Lügenberichte", sagte ein Sprecher des Taliban-Führers Mullah Mohammed Omar in einem Telefongespräch mit El Dschasira. "Wir sind immer noch in Kandahar und den umliegenden Provinzen". Der amerikanische Nachrichtensender CNN berichtete unterdessen von heftigen Kämpfen in Kandahar. Die Schlacht um die Stadt sei aber noch nicht entschieden.

Mit dem Fall Kandahars hätten die seit fünf Jahren herrschenden Taliban ihr geistiges und politische Machtzentrum verloren. Die USA hatten das radikal-islamische Regime als Terroristenhelfer gebrandmarkt und vergeblich die Auslieferung des Terroristenführers Osma bin Laden gefordert. Die USA machen ihn für die Anschläge vom 11. September in New York und Washington verantwortlich. Die Suche nach ihm sei immer noch "wie nach der Nadel im Heuhaufen", sagte am Mittwoch US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in New York.

In überraschend schnellen Vorstößen waren der Nordallianz seit Dienstagnacht die meisten Provinzen in die Hand gefallen. Dabei dürften auch Aufstände der Bevölkerung gegen das Taliban-Regime mitgeholfen haben. Flüchtlinge berichteten, immer mehr Menschen lehnten sich gegen die Taliban auf. Nach der Lage am Mittwoch beherrschten die Taliban nur noch sechs der insgesamt 29 Provinzen des Landes.

Vereinten Nationen schlugen Fünf-Punkte-Plan vor

Unter dem Druck der sich überstürzenden Ereignisse dringt die internationale Gemeinschaft auf die schnelle Bildung einer breit angelegten neuen Regierung. Damit soll verhindert werden, dass die Nordallianz ohne Rücksicht auf die anderen Volksstämme vollendete politische Tatsachen schafft. Die Vereinten Nationen schlugen einen Fünf-Punkte-Plan vor. Danach soll so schnell wie möglich ein Treffen zwischen der Nordallianz und anderen Gruppen einberufen werden, um den Rahmen für eine politische Übergangslösung zu suchen. Ein Rat mit Vertretern aller afghanischen Gruppen soll dann die Zusammensetzung und die Aufgaben einer Übergangsverwaltung für maximal zwei Jahre erarbeiten.

Die Taliban griffen am Mittwoch offensichtlich zu einer neuen Taktik. Sie warteten in der östlichen Stadt Dschalalabad nicht auf einen Vorstoß der Nordallianz, sondern übergaben die Macht an den paschtunischen Mudschahedin-Anführer Mohammed Junis Chalis. Chalis warnte die Nordallianz vor einem weiteren Vormarsch.

Zum dramatischen Machtverlust der Taliban an lokale paschtunische Milizen gehört nach Angaben der Nachrichtenagentur AIP unter anderem Orusgan, die Heimatregion von Taliban-Anführer Omar. Damit wird auch die Region, in der sich Omar und Bin Laden verstecken könnten, immer kleiner.

Die Machtübernahme von paschtunischen Milizführern deuten mögliche Konflikte mit der Nordallianz an. Die Paschtunen bilden mit 40 % die größte Volksgruppe in Afghanistan. Die Nordallianz besteht dagegen aus Milizen, die zu den tadschikischen, usbekischen und schiitischen Minderheit gehören. Nach Ansicht von Beobachtern wollen die paschtunischen Mudschahedin nach dem Abzug der Taliban die Erboberung des ganzen Landes durch die Nordallianz verhindern.

Der ehemalige afghanische König Sahir Schah warnte am Mittwoch in seinem Exil in Rom vor einem Machtvakuum. "Bleibt ruhig und habt Geduld", sagte er in einer Botschaft an seine Landsleute aus seinem Exil in Rom. Sahir kündigte seine baldige Rückkehr nach Kabul an. Dahin kehrte am Mittwoch bereits der von den Taliban entmachtete und von den UN anerkannte afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani zurück.



UN-Generalsekretär Kofi Annan warnte vor einem Sicherheitsvakuum in Afghanistan. Voraussetzung für eine neue Regierung sei, dass sich die Nachbarstaaten nicht mehr in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischten. Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, sagte im Weltsicherheitsrat, eine neue Regierung in Kabul sollte von einer all-afghanischen Sicherheitstruppe gestützt werden. Dies sei einer UN-Friedenstruppe vorzuziehen.

Die Nordallianz hat nach Angaben eines Sprechers in Kabul eine Generalamnestie verkündet und die Soldaten aufgerufen, Recht und Gesetz nicht in die eigenen Hände zu nehmen. Dennoch kam es laut Augenzeugen zu einzelnen Plünderungen und Vergeltungsakten. Ein BBC- Korrespondent berichtete, Talibankämpfer seien gelyncht und erschossen worden.

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