Suche nach dem Motiv des Erfurter Amokschützen
Ein „auffallend unauffälliger“ Täter

"Ich bin sein Großvater, aber ich weiß nichts", sagt der ältere Mann mit Brille, der gerade den Briefkasten leert. Es ist ein unscheinbares vierstöckiges Haus in der Erfurter Innenstadt, eine gepflegte Gegend. Hier lebte Robert Steinhäuser, der am Freitag bei einem Amoklauf an seiner Schule 16 Menschen erschoss und sich dann selbst richtete.

WiWo/ap ERFURT. Nach der erschütternden Tat stellt sich vor allem die Frage, wie und warum aus dem als unauffällig beschriebenen 19-Jährigen ein eiskalter Killer wurde. So genannte Profiler des Bundeskriminalamts und des Thüringer Landeskriminalamts befassen sich derzeit damit, ein Täterprofil zu erstellen. Dabei befragen sie Verwandte, Bekannte, Mitschüler und Lehrer, die mit Steinhäuser zu tun hatten, um das Wesen des Täters besser zu verstehen.

Er soll "auffallend unauffällig" gewesen sein, sagt Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU). Ein junger Mann, der vor einem Jahr das Abitur nicht bestanden habe und es hätte wiederholen können, wenn er nicht wegen Urkundenfälschung von der Schule verwiesen worden wäre.

Familie wusste nichts vom Schulverweis

Die Familie habe nichts vom Schulverweis des Sohnes gewusst, sagt der Staatssekretär des Thüringer Innenministeriums, Manfred Scherer. Seine Familie hätte geglaubt, dass er am Freitag an den schriftlichen Abiturprüfungen teilnehme. Deswegen hätten sie ihm am Morgen noch viel Erfolg dafür gewünscht. An diesem Tag hätte also sein Lügengebäude einstürzen müssen, sagt Scherer.

Leute, die Steinhäuser kannten, schildern ihn als ruhig. Sie hatten auch vor der Tat keine Auffälligkeiten bemerkt. Er wohnte bei seiner Mutter, spielte in seiner Freizeit Handball, war Mitglied im Schützen- und Polizeisportverein und hatte eine Waffenbesitzkarte.

Lehrer geradezu hingerichtet

"Er hatte es ganz eindeutig auf Lehrer abgesehen", sagt Vogel. Mehr als 40 Schüsse feuerte Steinhäuser aus seiner Pistole ab und richtete seine Lehrer größtenteils mit Kopfschüssen geradezu hin. Ein Schüler der zwölften Klasse des Gutenberg-Gymnasiums berichtet, er habe aus dem Fenster beobachtet, wie Steinhäuser eine Lehrerin verfolgte: "Sie rannte zu ihrem Auto und stolperte und er schoss ihr ins Bein. Dann rannte er zu ihr, schoss ihr drei Mal mit seiner Pistole in den Kopf und rannte in die Schule zurück. Er habe Steinhäuser gekannt: "Er war normal, ich habe nie gedacht, dass er solche Dinge tun könnte."

"Wir können auf jeden Fall sagen, dass Herr Steinhäuser einen Hang zu Krieg und Gewaltverherrlichung hat", sagt Polizeisprecher Achim Kellner. "Er hatte entsprechende Comics und sich wohl auch im Internet und offenbar auch auf Videos mit solchen Sachen beschäftigt. So was wie Arnold Schwarzenegger und Rambo." Steinhäuser sei damit aber nie nach außen in Erscheinung getreten.

Nach Medienberichten soll Steinhäuser einmal während einer Klassenfahrt seine Hand zur Pistole gemacht und auf einen seiner Lehrer "gezielt" haben. Später wollte er dies nur "aus Spaß" gemacht haben.

Kein typischer Amokläufer

"Er war kein typischer Amokläufer, sonst hätte es viel mehr Opfer unter den Schülern gegeben", sagt Polizeisprecher Kellner. Aufschluss erhoffen sie sich die Ermittler vor allem von der Vernehmung der Eltern und des 25 Jahre alten Bruders, der Polizeiangaben zufolge von der Tat vorher jedoch definitiv nichts wusste. Aber bei den Befragungen ist Einfühlsamkeit gefragt, besonders bei den Eltern: "Die beiden werden natürlich psychologisch betreut", sagt Kellner. Die schreckliche Gewissheit, dass ihr Sohn als Amokläufer gestorben sei, habe die Eltern in einen Schockzustand versetzt. Sie erholten sich zwar zwischendurch immer wieder davon, fielen aber auch immer wieder in diesen Zustand zurück. "Wir müssen da jetzt Punkt für Punkt und in längeren Schritten vorgehen", betont der Sprecher.

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