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Sucht nach der hellen Haube

Berlin ist die Kaffeehauptstadt Deutschlands. Nirgends gibt es mehr Cafés und Kaffeeläden. Die Qualität des braunen Gebräus ist sehr unterschiedlich. Ein Test.

Arno Schmeil gibt einen Löffel Zucker auf die zarte Crema seines Espresso. "Eine perfekte Haube ist das erste Indiz für guten Kaffee", bemerkt der Experte für schwarze Bohnen, "sie sollte den Zucker einen Moment halten." Dann nimmt er den ersten Schluck, lobt den fein bitteren Geschmack, wünscht sich aber doch noch etwas mehr Fülle.

Für den 35-Jährigen ist Kaffee ein ganz besonderer Saft, und nicht nur für ihn. Längst schon ist Kaffeetrinken auch in Deutschland zu einer höchst komplexen Angelegenheit geworden. Welche Bohnenmischung? Wie geröstet? Vor allem in der Hauptstadt frönt man dem koffeinhaltigen Vergnügen. Gut 500 Cafés und an die 60 Coffee-Shops machen sie zur Röstbohnenmetropole der Republik. Doch nicht alles, was hier in die Tasse kommt, schmeckt.

Kaffee-Experte Arno Schmeil, gebürtiger Berlin und Besitzer des Kaffeeladens "DoubleEye" in Schöneberg, weiß, dass der angesagteste Coffeeplace nicht unbedingt der Beste ist. Seit über 15 Jahren befasst er sich mit Kaffee, probierte sich durch ganz Südeuropa und eröffnete schließlich eine eigene Kaffeebar, um andere an seiner Leidenschaft teilhaben zu lassen. "Natürlich spielen bei gutem Kaffee viele Faktoren eine Rolle. Wetter, Wasserqualität, Frische und Mahlgrad des Pulvers und nicht zuletzt die Stimmung des Barista, seiner Kaffeemaschine und des Ortes." Wenn alles stimme, könne man die Welt drumherum beinah vergessen.

Im Stammhaus des Cafés "Einstein" in der Kurfürstenstraße scheinen die Bedingungen dafür ideal. Klassische Musik erfüllt die hohen Räume, an der Bar lässt sich das flinke Treiben des Barista, des professionellen Kaffeekünstlers, verfolgen. Grundlage der meisten Kaffeespezialitäten ist der Espresso, im Einstein eine spezielle "Wiener Mischung", aus 100 Prozent Arabica. Die derzeitige Trendbohne. Den Cappuccino deckt eine feine seidige Milchhaube mit kunstvoll aufgegossenem Lotusblatt. "Milkart" nennen das die Experten. Doch im Verhältnis von Milch, Schaum und Kaffee kommt Letzterer hier leider etwas zu kurz. "Ideal ist je ein Drittel von jedem."

Wiener Kaffeetradition pflegt auch das "Sowohlalsauch" im Prenzlauer Berg mit seiner langen Kaffeekiste. Der Espresso heißt hier kleiner Brauner und hat eine sehr schöne Crema und einen kräftig würzigen Geschmack. Kein Wunder, die Hausmischung hat einen deutlichen Robusta-Anteil.

Wer es lieber italienisch-mild mag, findet im Sale e Tabacci am ehemaligen Checkpoint Charlie einen wohlausgewogenen Cappuccino. Nur den Espresso wünscht sich Schmeil an diesem kühl mondänen Ort doch etwas konzentrierter und öliger.

Und wie steht es mit der Qualität in den Kaffeebars? Um den Hackeschen Markt ballen sich die Läden für den Koffeinkick zwischendurch. Die kleine L?Una mit ihren Stehtischen im rustikal-italienischen Espressobarstil ist da so etwas wie eine Oase. Um die Mittagszeit stehen die Kaffeeliebhaber Schlange, doch das Team hinter der Theke arbeitet so professionell, dass keiner lange warten muss. Die Stimmung ist familiär. Der Espresso hat eine leichte, feine Crema und überzeugt mit seinem ausgeglichenen Geschmack. "Einfach nur wunderbar", findet Schmeil den Cappuccino. Der volle runde Kaffeegeschmack kommt auch in der Milch zur Geltung. Noch einen!

Bei Starbucks ist das nicht der Fall. Nur 100 Meter liegen zwischen den beiden Läden, das Qualitätsgefälle aber ist riesig. Den Cappuccino hier deckt zwar ein üppiger Milchschaum, vom Kaffee ist allerdings gar nichts mehr zu schmecken. Außerdem kredenzt die amerikanische Kette, für Schmeil ein Graus, alles in der praktischen Einheitshenkeltasse, für den Espresso im Miniformat. Der ist zu dünn und hinterlässt auch noch einen bitteren, aufdringlichen Nachgeschmack.

Caras mit seinen vier Bars dagegen beweist, dass eine Kette nicht zwangsläufig Mittelmaß bedeutet. Das sympathische Thekenteam in der Neuen Schönhauser Straße macht seine Sache gut. Und der Experte urteilt: "Der Espresso ist etwas zu lang, hat aber trotzdem eine fein-bittere Säure." Der Cappuccino entzückt zunächst mit einer feinschaumigen Kappe, leidet allerdings am Problem Milch-erschlägt-Kaffee.

Also wieder zu den Kleinen. Die Espresso Bar von Ares Michaelides liegt nahe der Bundespressekonferenz. Der engagierte Barista hat schon Franz Müntefering und selbst Helmut Kohl mit edlem New York Espresso überzeugt. Dessen Geheimnis ist ein kleiner Anteil der sündhaft teuren Jamaika-Blue- Mountain-Bohne. Schmeil bevorzugt hier dennoch den Cappuccino mit seinem ausgewogenen Espresso-Flavour.

Denn er ahnt, wo es den wirklich besten Espresso der Tour gibt: In der eigenwilligen, spanisch anmutenden Espressobar Tres Cabezas in Friedrichshain. Ein echter Geheimtipp. Robert, Barista und Wellenreitexperte in Personalunion, zaubert einen Kaffee mit tragender haselnussiger Crema. Der Kaffeetester ist schon vom ersten Schluck überzeugt: "Das Aroma ist voll und rund, die Konsistenz seidig, ölig." Ihm gefällt der deutlich spürbare Robusta-Anteil. "Er gibt dem Kaffee eine kräftige Note, die im ersten Moment vielleicht etwas ungewohnt schmeckt, wenn man nur den milden Arabica gewöhnt ist."

Seine eigenen Stammkunden bei DoubleEye hat Schmeil schon von der Fülle spanischer und portugiesischer Mischungen überzeugt. Sie wecken Urlaubsgefühle. Und was könnte man von einem Kaffee mehr erwarten?

Hauptstadt-Kaffee

DoubleEye, Akazienstraße 22, Berlin-Schöneberg, Tel. 0179/4566960, www.doubleeye.de,

Einstein, Kurfürstenstraße 58, Berlin-Schöneberg, Tel. 030/2615096, www.cafeeinstein.com

TresCabezas, Boxhagener Str. 74, Berlin-Friedrichshain, Tel. 030/29047470,

Espresso Bar, Reinhardtstr.16, Berlin-Mitte, Tel. 030/28097535,

Starbucks, Hackesche Höfe, Berlin-Mitte, www.starbucks.de

Cares, Neue Schönhauser Str. 9, Berlin-Mitte,

L?una, Neue Schönhauser Str.17, Berlin-Mitte

Sale e Tabacchi, Kochstr. 18, Berlin-Kreuzberg, Tel. 03072521155

Sowohlalsauch Kollwitzstraße 88, Berlin-Prenzlauer Berg, Tel. 030/4429311

Barcomi?s, Bergmannstr. 21, Berlin-Kreuzberg, Tel. 030/6948138

Quelle: Handelsblatt

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