Sue Unger ist Chief Information Officer von Daimler-Chrysler
Die Herrin der Datenströme

Erst vor drei Tagen ist sie aus Dallas in Stuttgart gelandet. Jetzt ist sie auf dem Sprung nach Madrid, und dann geht es gleich weiter in die USA. Die zierliche Frau lässt sich den Stress nicht anmerken.

STUTTGART. Im fein gestreiften, bunten Pullover und legerer Hose erscheint sie am frühen Morgen gut gelaunt in der Abflughalle von Daimler-Chrysler am Stuttgarter Flughafen zum Gespräch. Sue Unger bevorzugt bequeme Kleidung, vor allem auf Reisen. Die 52-Jährige ist seit der Fusion von Daimler-Chrysler vor vier Jahren für den Bereich Information Technology Management weltweit verantwortlich und deshalb ständig unterwegs.

Ein Drittel ihrer Zeit verbringt sie am Konzernsitz in Auburn Hills bei Detroit, wo ihre Familie lebt, ein Drittel in der Stuttgarter Zentrale und ein Drittel damit, von Standort zu Standort rund um den Globus zu jetten. Seit der Autokonzern mit Mitsubishi Motors enger zusammenarbeitet, steht auch Tokio auf dem Flugplan. Die IT-Chefin gehört zu den wenigen Spitzenkräften von Chrysler, die nach dem Zusammenschluss mit Daimler einen Karrieresprung gemacht haben. Und sie ist eine von nur drei Frauen auf der Top-Ebene unter dem Vorstand. Unger berichtet direkt an "Jürgen", wie sie den Konzernchef Jürgen Schrempp nennt.

Das deutsche "Ü" kommt der Amerikanerin dabei locker über die Lippen. Vor der Fusion war sie bereits bei Chrysler für die Datenverarbeitung verantwortlich. Dass sie diese Aufgabe im nun doppelt so großen Konzern behielt, lag an ihrer IT-Vision, die sie dem Vorstand präsentieren und mit ihm diskutieren musste. "Ich hatte die Idee einer wirklich globalen IT-Organisation", erzählt sie. Mit ihrem Konzept schlug sie ihren direkten Konkurrenten von der Daimler-Benz-Seite aus dem Feld.

Die temperamentvolle Managerin versteht es, in einer Gesprächsrunde das Eis zu brechen und Leute für sich einzunehmen. Sie besitzt Charme, kann aber auch knallhart und durchaus unangenehm werden. Im Konzern hat sie den Ruf, sehr durchsetzungsfähig zu sein. Die Mutter zweier Kinder weiß das und erzählt, wie ihr 14-jähriger Sohn sich gegen zu viel Strenge wehrt. Er fragt dann einfach: "Wann fliegst du wieder nach Deutschland?"

Ihr Arbeitsstart nach der Fusion war nicht einfach. Sie musste zwei EDV-Welten zusammenführen. Als Herrin aller Datenströme, der Nervenbahnen des Konzerns, musste sie die Grundlage für eine reibungslose Zusammenarbeit liefern. Heute lenkt sie ihre 4 000 Mitarbeiter mit einem Team von neun Führungskräften - einer Frau und acht Männern. Mit ihr zusammen besteht Parität zwischen Amerikanern und Deutschen. Doch das sei zufällig, betont sie.

Ihre Arbeit findet auch extern Beachtung. Eine amerikanische Investment-Bank hat sie in diesem Sommer zum Chief Information Officer (CIO) des Jahres gewählt. Die ehrgeizige Managerin hat anscheinend ein Faible für Hitlisten. Stolz erzählt sie, dass Daimler-Chrysler in der Rangliste der innovativsten IT-Anwender des US-Fachblatts Information Week inzwischen auf Platz drei vorgerückt sei. Wie passen Kinder und Karriere zusammen? Die USA sind Deutschland ein gutes Stück voraus, hat die Pendlerin zwischen den beiden Welten festgestellt. Zwar sei sie vor 22 Jahren von ihren Nachbarinnen kritisiert worden, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter nicht zu Hause geblieben sei. Als acht Jahre später ihr Sohn zur Welt kam, sei das kein Thema mehr gewesen.

Dafür tauchte bei ihrem damaligen Arbeitgeber Chrysler eine unerwartete Hürde auf, nachdem sie Karriere gemacht hatte. "Dass auch Vorgesetzte schwanger werden können, war damals bei Chrysler nicht vorgesehen", erzählt sie lächelnd. Also musste das Unternehmen kurzerhand seine Bestimmungen ändern. Deutschkenntnisse scheinen bei dem Autokonzern mit seiner Weltzentrale in Stuttgart nicht so wichtig zu sein. Sie hat die Sprache trotz ihres perfekten "Ü" bisher nicht gelernt. Es klingt fast wie eine Entschuldigung, wenn sie bei dieser Frage auf ihren Sohn verweist. Der 14-Jährige lernt derzeit mit Begeisterung Deutsch, "weil er ein Autonarr ist und unbedingt Ingenieur bei Mercedes-Benz werden will", plaudert sie.

So, das war?s dann. Auf einmal drängt ihr deutscher Assistent in der Abflughalle zum Aufbruch. Sue Unger packt entschlossen ihre Reisesachen zusammen. Dann erzählt sie aber noch schnell von ihrem letzten Urlaub. In diesem Sommer war sie mit ihrer Familie in den kleinen Dörfern der Provence unterwegs. "In der S-Klasse, damit auch mein Sohn seinen Spaß hatte", fügt sie noch hinzu und ist schon weg.

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