Südamerika
Supermarkt für Dritte-Welt-Läden: Auf Aldis Spuren

Einzelhandelskonzerne wie Ahold und Carrefour basteln an einem neuen Konzept - einer Art Aldi für die Dritte Welt. Auch Arme sollen künftig im Supermarkt kaufen.

HB Lima/São Paulo.Rußende Laster röhren den Berg hoch. Dazwischen knattern Motorrad-Rikschas, und überladene asiatische Kleinwagen behindern den Verkehr. Chosica liegt zwar 50 Kilometer von Perus Hauptstadt Lima entfernt in den Bergen, aber der Ort ist genauso staubig wie der Neun-Millionen-Moloch am Pazifik. An der abgasgeschwängerten Hauptstraße sorgen lediglich das leuchtende Gelb und Rot einer Supermarktfassade für Frische. Der Laden ist nicht besonders groß, und er liegt in einem unbedeutenden Provinznest. Aber für die niederländische Einzelhandelskette Ahold hat er enorme Bedeutung: "Wenn das hier funktioniert", sagt Marcel Rodriguez und inspiziert die Regale penibel auf Lücken im Sortiment, "dann werden wir das weltweit einsetzen." Rodriguez soll den Prototyp eines neuen Supermarkts für Schwellenländer und die Dritte Welt entwickeln. Dafür hat Ahold den Manager extra vom deutschen Brauereikonzern Holsten abgeworben und ihn zum Verkaufsdirektor von Santa Isabel gemacht - einem Ahold - Joint Venture in Südamerika. Sein Ziel: Er soll die ärmere Bevölkerungsmehrheit als Kunden gewinnen - und so vor allem in Lateinamerika und Asien einen neuen Milliardenmarkt erschließen.

Dort haben die Einzelhandelsmultis in der letzten Dekade bereits Milliarden in Supermärkte investiert. Als Carrefour, Wal-Mart oder Ahold ihre ersten Hypermärkte in Südamerika eröffneten, stillten die wohlhabenden Argentinier, Brasilianer, Chilenen und Peruaner ihren jahrelang aufgestauten Konsumhunger auch in den schicken, stets angenehm gekühlten Filialen. Die Oberschicht gierte nach Produkten, die sie früher nur auf Auslandsreisen fand, und die Einzelhändler aus Übersee machten traumhafte Profite.

Aber nach den Wirtschaftskrisen flaute der Boom der 90er-Jahre ab, und weil absehbar ist, dass sich die Wachstumsraten der Vergangenheit nicht so bald wiederholen werden, basteln die Einzelhändler an neuen Strategien. Ihr Ziel: Mehr Konsumenten als bisher sollen in Supermärkten einkaufen. Viele Gesellschaften in Südamerika und Asien sind in wenige (Super)Reiche und viele Arme gespalten. Die Mittelschicht, in Europa und den USA bester Kunde der Einzelhandelskonzerne, existiert kaum. In Peru etwa überlebt die Hälfte der Bevölkerung von zwei Dollar am Tag. "Familien mit Einkommen unter 500 Dollar im Monat kaufen nicht mehr im Supermarkt ein", sagt Rodriguez, "wir wollen aber alle bekommen, die bis zu 200 Dollar verdienen".

Wie auf ein Startsignal hin haben die führenden Multis in den vergangenen Wochen Versuchsmärkte in der ärmeren Peripherie von Lateinamerikas Großstädten eröffnet: Ahold in Peru, Wal-Mart im brasilianischen São Paulo, und auch Carrefour will in den nächsten Tagen Billigshops im argentinischen Buenos Aires und in Brasilien eröffnen.

Ahold kopiert dabei klar das Aldi-Konzept - und macht auch kein Geheimnis daraus. Hard-Discount heißt das im Einzelhandelsjargon: "Maximal 400 Quadratmeter Fläche, nicht mehr als 1 400 Produkte, zehn Mitarbeiter, die niedrigsten Preise im Radius von acht Häuserblocks und möglichst viel Umsatz mit Eigenmarken", betet Rodriguez sein Konzept herunter. Die Läden werden in der Nähe von Wochenmärkten und Bushaltestellen platziert - da, wo sie jeder sieht. Entscheidend für den Erfolg sei jedoch die Verbindung mit der Gemeinde, sagt Rodriguez: "Wir sind eine Bedrohung für die lokalen Geschäfte. Das kann Ressentiments schüren." Also stellt die Ahold-Tochter nur Personal aus der Nachbarschaft ein. Sie arbeitet mit der Kirche zusammen, fördert lokale Popgruppen und Sportteams und sponsert Feste.

Hauptkonkurrenten der Discounter sind die unzähligen Kleinläden, die vor allem auf Nähe und Kleinkredite setzen. In den "Bodegas" können die Kunden anschreiben lassen. Flugs bietet Wal-Mart in Sapopemba, einem Arbeitervorort in São Paulos Osten, Kreditkarten an. Die Kunden müssen lediglich nachweisen, dass sie 70 Dollar im Monat verdienen - den staatlichen Mindestlohn. In den Nachbarschaftsläden "Todo Dia" ("Jeden Tag"), wie die Wal-Mart-Discounter heißen, können die Kunden ihre Einkäufe zinslos 45 Tage später bezahlen. Langfristig werden es die Kleinen schwer haben gegen die Multis, ihre ausgefeilte Logistik und ihre Einkaufsmacht gegenüber den Zulieferern. In Chosica beobachtet der Ahold-Filialleiter bereits, wie der Besitzer der Bodega gegenüber verzweifelt jeden Preis des Discounters unterbietet. Aber Rodriguez ist sicher: "Lange kann der nicht mehr mithalten."

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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