Sunniten bilden die Mehrheit der Moslems
Die verschiedenen Strömungen des Islam

Der Islam hat seit seiner Entstehung vor knapp 1 400 Jahren eine Vielzahl von Strömungen hervorgebracht. Diese haben mit dem pauschalen Bild des "einen Islam", das im Westen häufig anzutreffen ist, nur wenig gemeinsam. Ihren Anfang nahm die jüngste der drei großen monotheistischen Religionen mit den Offenbarungen Gottes an den Propheten Mohammed zu Beginn des 7. Jahrhunderts.

dpa KAIRO. Die Moslems sehen in ihrer Religion die Vervollständigung der älteren jüdischen und christlichen Religionen. Die "Hidschra" (Auswanderung) des Propheten und seiner Gefährten von Mekka nach Medina (im heutigen Saudi-Arabien) im Jahre 623 markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung.

Schon wenige Jahrzehnte nach dem Tod Mohammeds im Jahre 633 kam es zur ersten Spaltung der Gemeinschaft der Moslems (Umma) in Sunniten und Schiiten. Auslöser dafür war die Frage, wer als rechtmäßiger Nachfolger Mohammeds und religiöses Oberhaupt der Gemeinschaft anzusehen sei. Die Sunniten machen seither die Mehrheit der Moslems aus, während die Schiiten die zweitgrößte Gruppe bilden, die heute hauptsächlich im Iran vertreten ist. Im sunnitischen Islam hatte über Jahrhunderte hinweg der Kalif ("Stellvertreter" Mohammeds) die geistliche und weltliche Macht. Sie wurde mit der Zeit immer geringer, und 1924 wurde das Kalifat endgültig abgeschafft. Seither gibt es im sunnitischen Islam keine von allen Gläubigen anerkannte religiöse Autorität mehr.

Anders als das Christentum kennt der sunnitische Islam keine ausgeprägte klerikale Hierarchie, sondern praktiziert eine Art von religiösem Pluralismus. Einige unter den religiösen Gelehrten (Ulama) besitzen allerdings traditionell eine höhere Autorität, so etwa der Scheich der ägyptischen Al-Azhar-Moschee, dessen Urteile in der gesamten sunnitisch-islamischen Welt Beachtung finden. Bei den Schiiten leitete ein als unfehlbar geltender Imam ("Vorbeter") die Gemeinde; da der letzte Imam dem Glauben nach in verborgener Entrückung lebt, nimmt im Gottesstaat Iran ein Stellvertreter seine Funktionen wahr.

Die Erfahrungen von Machtlosigkeit, Fremdherrschaft und Identitätsverlust als Folge des europäischen Kolonialismus und die heutige wirtschaftliche und politische Übermacht des Westens haben viele Moslems dazu gebracht, ihr Heil in einer Rückbesinnung auf die Ursprünge des Islam zu suchen. Die daraus entsprungenen politischen Richtungen fasst man unter den Bezeichnungen Islamismus oder Fundamentalismus zusammen. Die Anhänger dieser religiös-politischen Strömung kritisieren die Verwestlichung vieler islamischer Länder. Sie propagieren eine Rückkehr zum "reinen Islam". Doch auch unter diesen Gruppen gibt es große ideologische Unterschiede. Das Spektrum reicht von der Moslembruderschaft in Ägypten, die den Staat nach eigenen Angaben mit legalen politischen Mitteln "islamisieren" will, bis zu den afghanischen Taliban, die ihr Land mit Gewalt zurück ins Mittelalter katapultiert haben.

Eine Minderheit der Moslems tritt für die gewaltsame Bekämpfung der westlichen Länder, speziell der USA, ein, so etwa die Organisation Osama Bin Ladens. Diese Extremisten rufen zum Dschihad gegen die "Ungläubigen" auf. "Dschihad" wird oft mit "Heiliger Krieg" übersetzt, bedeutet aber eigentlich "Sich abmühen für die Sache Gottes". Das kann eine militärische Pflicht zur Verteidigung und Ausbreitung des islamischen Herrschaftsgebietes sein, aber genauso ein wohltätiger Dienst oder das Streben nach einem aufrichtigeren Glauben.

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