Supachai will neue Welthandelsrunde wie geplant in drei Jahren abschließen
WTO-Chef sieht Irak-Krise als Risiko für die Weltwirtschaft

Der neue Generaldirektor der Welthandelsorganisation Supachai Panitchpakdi hat keinen guten Start erwischt: Die Kriegsangst im Irak dämpft die globale Konjunktur, und die Doha-Runde zur Liberalisierung weiterer Märkte kommt nicht vom Fleck. Umso deutlicher mahnt Supachai Europa zur Öffnung des Agrarmarkts.

HB GENF. Die erhoffte Erholung der Weltwirtschaft könnte durch einen US-Krieg gegen den Irak zunichte gemacht werden. "Wir sehen zwar derzeit einige Zeichen eines ökonomischen Aufwärtstrends im asiatischen Raum, etwa China und Indien, aber wir haben keine Sicherheit", warnt der neue Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), Supachai Panitchpakdi in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Ein Wiederanspringen des Konjunkturmotors hänge "von der Art der Feindseligkeiten ab", die zwischen Amerikanern und Irakern ausbrechen könnten.

Die WTO prognostizierte vergangene Woche einen moderaten Anstieg des globalen Handelsvolumens - falls sich die wichtigsten Industriestaaten aus dem ökonomischen Abwärtsstrudel befreien können. Sollte Washington jedoch Militärschläge gegen Bagdad führen, würden die Preise für bestimmte Produkte nach oben schnellen. "Die Effekte dürften nicht permanenter Natur sein", prognostiziert Supachai jedoch. Der promovierte Ökonom macht klar, dass die Preise für Öl, Versicherungsprämien und Transportkosten wegen eines drohenden Waffenganges ohnehin schon angezogen haben. Zudem warnt der ehemalige thailändische Vizepremierminister vor den langfristigen Folgen eines bewaffneten Konflikts: Kapital für dauerhafte produktive Investitionen könnte abgezogen werden und in kurzfristig kriegsrelevante Verwendungen gelenkt werden. "Der Treibstoff- und Stahlverbrauch würde nach oben schießen, und die Aktien von Rüstungsanbietern dürften zulegen."

Angesichts der Spekulationen über eine mögliche Kriegsdividende warnt der WTO-Chef mit Nachdruck davor, mit dem Feuer zu spielen: "Wir sollten nicht mit Kanonen schießen und dann damit beginnen, alles wieder aufzubauen." Um so mehr setzt der ehemalige thailändische Wirtschaftsminister darauf, die WTO-Verhandlungen über eine weitere globale Liberalisierung wie geplant in drei Jahren abzuschließen: "In einer Welt mit steigenden ökonomischen Unsicherheiten würden wir dadurch sicher Vertrauen gewinnen." Eine fristgerechte, durchgreifende Öffnung der Märkte platziert Supachai als Ziel ganz oben auf seiner Agenda.

Doch auch der neue WTO-Chef muss sich kurz nach seinem Amtsantritt der wenig verheißungsvollen Realität stellen. Die so genannte Doha-Runde kommt nicht vom Fleck; immer mehr Unterhändler bezweifeln, ob sich die 144 WTO-Mitgliedsländer bis 2005 auf ein umfangreiches Abkommen zur Öffnung der Märkte einigen können. Und dass beim nächsten WTO-Ministertreffen 2003 im mexikanischen Cancun erste Resultate verbucht werden können, erscheint nur noch notorischen Optimisten plausibel. Regierungsmitglieder aus Entwicklungsländern, wie die Handelsministerin Malaysias, Rafidah Aziz, ziehen schon mit offenem Spott über die WTO her: "In Cancun werden die Delegierten einen schönen Badeaufenthalt haben," höhnte sie vergangene Woche in Kuala Lumpur.

Selbst Supachai muss jetzt eingestehen: "Ich verstehe Rafidahs Bedenken." Vor allem die gut geschützten Agrarmärkte der EU sind ein ständiges Ärgernis in Genf - nicht nur für die Entwicklungsländer, auch für Supachai. Wie will der WTO-Chef die Europäer dazu drängen, ihre gehätschelten Bauern einem verschärften Wettbewerb auszusetzen? "Es geht dabei nicht um Drängen, sondern eher um Überzeugen", gibt sich Supachai moderat.

Seine Argumente: Falls die EU-Kommission weiter auf stur schaltet, riskiert sie auch das Scheitern der Verhandlungen in anderen Bereichen wie den Finanzdienstleistungen. Das sei nicht im Interesse der Europäer. Zudem würde ein radikaler Abbau der Agrarsubventionen die EU von finanziellen Bürden befreien. Das überbordende EU-Agrarbudget könnte zurückgefahren werden. Und die Europäer bräuchten nicht mehr so stark den armen Staaten des Südens mit Finanztransfers zur Seite zu stehen. "Deshalb brauchen wir neue Vorschläge", fordert Supachai an die Adresse der Europäer gerichtet.

Speziell der quälende Streit zwischen Deutschland und Frankreich über die europäische Agrarpolitik beobachtet er mit Missfallen. Denn dadurch blockieren die beiden EU-Vormächte eine beherztes Abbau der üppigen Agrarhilfen - und damit einen Durchbruch bei den WTO-Gesprächen: "Das ist auch meine Sorge."

Viel Überzeugungskraft braucht der ehemalige buddhistische Mönch auch, um drohende Handels-Konflikte zwischen den WTO-Giganten USA und EU im Vorfeld zu entschärfen. In seiner dreijährigen Amtszeit jedenfalls will der erste WTO-Chef aus einem Entwicklungsland bei potenziellen Konflikten mäßigend auf Brüssel und Washington einwirken. Im Stahlkonflikt diente sich Supachai bereits als Schlichter an. Allerdings vergeblich: "Natürlich müssen die Mitglieder entscheiden." Denn gerade die ökonomischen Supermächte USA und EU vertrauen lieber auf ihre eigenen Stärken.

Quelle: Handelsblatt

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