Archiv
Surfbefehl für Politiker

Der Fall Stoiber ist auch ein Fall Medienerziehung. Nein, nicht der Kinder: Medienerziehung für Politiker. Menschen mit Macht haben wenig Zeit, egal ob Politiker oder Manager. Ist so. Deshalb delegieren sie ihren Alltag weg.

Der Fall Stoiber ist auch ein Fall Medienerziehung. Nein, nicht der Kinder: Medienerziehung für Politiker.

Menschen mit Macht haben wenig Zeit, egal ob Politiker oder Manager. Ist so. Deshalb delegieren sie ihren Alltag weg. Zu diesem Alltag zählt zum Beispiel der ganze Computer- und Internet-Krams. Und deshalb lassen sie den Begriff "Mediendemokratie" gern mal bei Christiansen fallen, die meisten haben aber wohl noch nie intensiver darüber gegrübelt, was damit genau gemeint ist.

Wer zeitgleich auf Entscheidungsträger und Computer trifft, kann deshalb oft lustige Geschichten erzählen. Ein Kollege von der "Wirtschaftswoche" erzählte mir, er sei vor rund zwei Jahren mal zu einem Interview beim Vorstandschef eines Dax-100-Unternehmens geladen gewesen. Auf dessen Schreibtisch stand ein Computer. Der Kollege sprach seinen Interviewpartner gleich darauf an, dieser gab sich lässig-selbstbewusst, ein Computer gehöre halt heute dazu. Der Wirtschaftswöchler wollte n icht unhöflich sein und hat ihn deshalb nicht darauf angesprochen, dass sowohl Anschaltknopf wie Disketten-/CD-Schacht vom Angeblich-Nutzer abgewandt waren.

Edmund Stoiber, würde ich tippen, hat mit Computern auch wenig am Hut. Deshalb glaubt er, Wahlkampf machen zu können wie früher. Er ist damit - das sei ausdrücklich betont - nicht der einzige Politiker. Allein die vor einigen Wochen geführte Diskussion, ob die Union im Osten einen anderen Wahlkampf führen sollte als im Westen, geht an der Realität vorbei. Sie KANN gar keinen andere Ansprache wählen, weil TV, Radio und Internet dafür sorgen, dass jedes öffentliche Fettnäpfchen, jede provokante Äußerung, jeder Brutto-Netto-Versprecher nicht nur in alle Welt überbracht wird, sondern auch noch festgehalten ist auf Lebensdauer der speichernden Server.

Früher, da ließ sich in Deggendorf eine zünftige Bierzeltrede halten vor biertrunkenen Urbayern, einen Tag später konnte man in Bonn staatsmännisch ausgefeilte Worte wählen. Geht nicht mehr. Es reicht schon ein kleiner, tragbarer MP3-Rekorder um den Ruf zu ruinieren, egal ob in Weblogs oder bei Spiegel Online - jeder darf sich hermachen über die Aufzeichnung, Antenne Bayern hat daraus sogar einen Schunkel-Song/> (hier zu finden unter "Stoiber Rap") gebastelt.

Wie schnell heute ein falsches Wörtchen oder eine vollkommen misslungene Rede sich Bahn bricht über alle Informationskanäle, das kann nur erahnen, wer zumindest ansatzweise auf der Höhe der Medien-Zeit ist. Und deshalb schlage ich eine neue Bundestagsvorschrift für Abgeordnete vor: Die erste Stunde am Morgen verbringt künftig jeder MdB mit freiem Surfen im Internet. Damit er nicht mit Katastrophen-Äußerungen dem Ruf seines Berufsstandes und der Demokratie schadet.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%