Surfen bis zum Morgengrauen
Rund eine Million Internet-Süchtige

Hektisch klickt sich der junge Mann durch das Internet, seine Augen glänzen vom langen Starren auf den Monitor. Nach einer Nacht vor dem Computer endet die Surf-Tour und draußen bricht der neue Morgen an. "Das ist kein Einzelfall. Rund eine Million Internet-Süchtige surfen bis zum Morgengrauen Von Tobias D. Höhn, dpa (Mit Grafik 7759) Hamburg (dpa) - Hektisch klickt sich der junge Mann durch das Internet, seine Augen glänzen vom langen Starren auf den Monitor. Nach einer Nacht vor dem Computer endet die Surf-Tour und draußen bricht der neue Morgen an. "Das ist kein Einzelfall. Immer mehr Menschen tauschen die virtuelle Welt gegen das persönliche Umfeld ein", sagt Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

HB/dpa HAMBURG. Rund eine Million Deutsche sind nach Expertenschätzung bereits süchtig nach dem "www", Tendenz steigend.

Drogen, Kaufrausch, Glücksspiel - die Sucht kennt viele Gesichter. Und alle haben eines gemein. "Die Betroffenen verlieren die Kontrolle über sich selbst, dürsten nach immer mehr und vernachlässigen ihr soziales Umfeld", erläutert Hüllinghorst. Ob Mann oder Frau, Teenager oder Mitdreißiger, Schüler oder Geschäftsmann - alle seien gefährdet.

In vielen Studentenwohnheimen gibt es bereits einen kostenlosen Highspeed-Internetzugang. Damit sinke die Einstiegsschwelle. "Aber auch auf dem platten Land ist das schnelle Internet mittlerweile verfügbar", berichtet der Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren, Wolfgang Schmidt. Während torkelnde Alkoholiker meist auffallen, fristen Internet-Junkies ein Schattendasein vor dem heimischen PC und unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Mit billigeren Computern und Flatrates, kostenloser Zugangssoftware und schnellen Datenverbindungen drohen immer mehr Menschen in die Abhängigkeit zu rutschen. Die Angebote scheinen verlockend. In so genannten Chatrooms tauschen sich wildfremde Menschen unter Fantasienamen über intimste Gefühle aus, ohne ein Stück ihrer Identität preiszugeben. Schillernde Animationen, Spiele, Erotik-Angebote und Werbe-Pop-Ups verlocken zum wahllosen Stöbern. "Es ist eine seelische Abhängigkeit, die Angst etwas zu verpassen. Einen Wecker neben den Computer zu stellen, reicht längst nicht aus", sagt Schmidt. DHS-Chef Hüllinghorst plädiert deshalb für Informationsbanner auf den Websites: "Achtung! Wie lange sitzen Sie schon am Computer?"

Doch ganz so einfach ist es nicht. Der Grat zwischen Amusement und Abhängigkeit ist schmal. Bislang gibt es kaum Studien über Internetsucht und nur wenige Erhebungen über die Zahl der Erkrankten. Als Vorreiter in Deutschland gilt der Leiter des Münchener Therapiezentrums für Internet-Abhängige, Oliver Seemann. Er entwickelte sechs Kriterien, anhand derer Gefährdete ihr Suchtpotenzial einschätzen können. Eindeutige Indikatoren sind danach: Starkes Verlangen zum Internetgebrauch, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, deutliche Probleme im direkten sozialen Leben wegen der häufigen Nutzung des Internets, starker Rückzug aus dem privaten Umfeld und Fortsetzung des schädlichen Verhaltens.

In einer Online-Umfrage beantworteten 4,6 Prozent fünf dieser Fragen mit Ja und gelten damit als abhängig. Nach dieser Hochrechnung gäbe es in Deutschland sogar 1,5 Millionen Internet-Süchtige. "Ein Gesunder geht zur Kontaktsuche vielleicht in den Biergarten, ein Süchtiger sucht im Internet. Wird's zu heiß, drückt er die "Enter"- Taste und raus ist er", sagt der Psychiater. Die permanente Surflust wollen die Mediziner jetzt für einen neuen Therapieansatz nutzen, erklärt der Chef der Sächsischen Landesstelle gegen die Suchtgefahren, Olaf Rilke. Statt sich bei einem Psychologen oder Psychiater auf die Couch zu legen, sollen die Abhängigen in die Online-Sprechstunde kommen - anonym und unverbindlich.

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