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Surfen im Stau

Die Automobilkonzerne nehmen Kurs auf den Zeitgeist ihrer Kunden. Die @-Generation bekommt was sie verdient: Surfen im Stau.

Die Automobilkonzerne VW und BMW lassen ihre mobilen Rechner hochfahren. Der Blinker ist gesetzt. Nase an Nase scheren sie ein, auf die Datenautobahn des Internets - auf den Rückbänken ganze Marketingabteilungen, die in den eisigen Fahrtwind der "New Economy" schreien: "Erster beim Start!".

Beide Unternehmen proklamieren derzeit für sich, dass sie als jeweils erster Autokonzern ein Modell mit sereinmäßigem Internet-Anschluss auf den Markt bringen. BMW wirbt in ganzseitigen Anzeigen in den Ausgaben führender deutscher Tageszeitungen um die Gunst fahrender Internet-Nutzer. Die Bayern tanken einen siebenstelligen Betrag in ihre Werbekampagne rund um ihr mobiles Internet-System "Connect-Drive", das ab Herbst in Fahrzeuge der 7er-Reihe eingebaut werden soll. VW bewirbt neben dem Golf E-Generation, Ausgestattet mit Minicomputer, Mobiltelefon und MP3-Player, gleichzeitig auch sein Internetportal "Mobile Services".

Der aktuelle Vorstoß der beiden Automobilhersteller und die Proklamation "Erster" zu sein hat marktstrategische Gründe. Den geldwerten Vorteil beim Wechsel vom Beschleunigungsstreifen auf die Überholspur unterstreicht auch eine Studie der Unternehmensberatung Mercer. Die Hersteller gleichen sich der Studie zufolge immer mehr an. Herkömmliche Differenzierungsstrategien seien kaum mehr haltbar. Sollte beispielsweise VW vor BMW als erster ein serienmäßiges Internetsystem anbieten, würde dies das Image bei der kaufkräftigen Kundschaft erhöhen. Dieser Marketingvorteil würde sich laut Mercer automatisch in Wettbewerbsvorteilen und höheren Marktanteilen niederschlagen. Laut der Studie sind die Autofahrer bereit, für die mobilen Serviceplattformen sechs Prozent ihres verfügbaren Einkommens auszugeben.

Exakt, wie durch GPS geleitet, wollen die Automobilkonzerne somit Kurs auf den Zeitgeist ihrer Kunden nehmen. Im vernetzten "globalen Dorf" wird auto-mobiles Internet zum weltweiten Verkaufsfaktor. "Wir wollen für unsere Kunden lebenslanger Partner für Mobilität an jedem Ort und zu jeder Zeit sein", erläutert Rolf Kloss, Marketing-Leiter im Bereich Neue Medien des Volkswagenkonzerns. In diese Zukunft startet das Unternehmen mit einem "persönlichen mobilen Büro". Im Golf E-Generation sollen E-Mails, Verkehrsinformationen und Börsenkurse abrufbar sein. Und versprochen wird: "Ein konsequenter Ausbau des Internet Angebots." Auch das Internet-System von BMW System bietet die "standard Features" für den Stop-and-Go-Verkehr der Zukunft: Börsen-Nachrichten, Stadt-Infos und Routenplaner.

Technisch allerdings müssen bis dahin noch einige Hürden genommen werden. Spracherkennungsprogramme und störungsfreie und schnelle Datenübertragung liegen als drohende "Stich-Worte" auf dem eingeschlagenen Weg der "Auto-Mobil-Industrie", die sich so gerne neu erfinden möchte und keine Angst vor platten Reifen kennt - außer Ford natürlich. Dabei platzen die Seifenblasen der "New Economy" bekanntlich schneller als die Reifen von Firestone. Und auch ASP und ABS, um noch einige Abkürzungen in die elektronischen Routenplaner der Autokonzerne zu laden, nutzen nichts, wenn UMTS und GPRS zur Wanderbaustelle werden. Dann ist der Kollaps vorprogrammiert, die Fahrspur verengt, die Warnblinker leuchten, und es heißt "Surfen im Stau" - Zielgruppe @Generation.

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