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Surreales aus Brüssel

Wenn meine Freundin Aminata über Brüssel spricht, fällt unweigerlich das Wort "surrealistisch". Damit spielt sie natürlich auf den großen Künstler René Magritte an, der in Brüssel studierte und den Surrealismus prägte.

Wenn meine Freundin Aminata über Brüssel spricht, fällt unweigerlich das Wort "surrealistisch". Damit spielt sie natürlich auf den großen Künstler René Magritte an, der in Brüssel studierte und den Surrealismus prägte. Aber Aminta meint mehr: das legendäre Brüsseler Wetter, das selbst jetzt im Hochsommer wirkt wie mitten im November. Den Verkehr, in dem scheinbar keine Regeln gelten außer der, dass öffentliche Busse alles niedermähen, was sich ihnen in den Weg stellt (incl. Poller, Verkehrsschilder und Wartehäuschen). Die Geschäfte, die sich nie an die Ladenöffnungszeiten halten und gern 'mal ein-zwei Stunden vor der Zeit schließen - selbst mitten in der Woche.

Bisher habe ich das alles nicht so ernst genommen. Andere Länder, andere Sitten - schließlich habe ich schon sieben Jahre in Paris überlebt. Auch dort war manches gewöhnungsbedürftig. Doch so langsam fange ich an, an Aminatas Theorie vom Surrealismus zu glauben. Zumal sie selbst lange in Paris gelebt hat und weiß, wovon sie spricht.

Surreal ist zum Beispiel die Umgebung, in der das Brüsseler Handelsblatt-Büro liegt: Zentral an der Rue Belliard, mitten im Europaviertel - und doch zwischen Ruinen, die man nicht einmal mehr in Ostdeutschland findet. Spekulanten haben offenbar gehofft, die einstmals schönen Brüsseler Stadthäuser würden eines Tages von der EU aufgekauft. Vor einem Jahr wurden sie jedoch unter Denkmalschutz gestellt - und neulich meldete sich ein Agent, der sich als Vertreter der neuen Besitzer vorstellte. Dann wurde der Bürgersteig abgesperrt, schwere Bauarbeiten schienen sich anzubahnen. Das ist drei Wochen her - seitdem ist nichts mehr passiert.

Oder vielleicht doch: Am letzten Freitag war plötzlich der Strom weg, die elektrisch betriebene Garagentür zum HB-Büro ließ sich nicht mehr öffnen. Der Korrespondent war ausgesperrt, die Telefonanlage ausgefallen, nichts ging mehr. Anruf beim Brüsseler Stromversorger: Non monsieur, uns wurde kein Stromausfall in der Rue Belliard gemeldet. Vermutlich haben Nachbarn oder Bauarbeiter den Schaden angerichtet - man wird es nie erfahren. Im Surrealen bleibt auch, warum der Strom ein paar Stunden später plötzlich wieder da war...

Am nächsten Tag in Ixelles, einem schicken In-Viertel nahe dem Zentrum. Es klingelt an der Tür: "Hier sind die Stadtwerke. Wir müssen das Wasser abstellen - wir haben einen Wasserrohrbruch in der Straße." Ich hatte gerade die Waschmaschine angestellt... Eine Stunde später wurde meine Straße komplett gesperrrt. Ein Bagger fuhr auf und riß die Straßendecke auf - einmal quer durch, als wollte er einen Stadtgraben ausheben. Um 17 Uhr wurde immer noch gebuddelt. Um 18 Uhr war die Baustelle wie durch ein Wunder wieder zu, und das Wasser kam auch zurück.

Seitdem haben wir aber einen dicken Huckel mitten auf der Straße. Er erinnert an diese künstlichen Barrieren, die zur Verkehrsberuhigung beitragen sollen. Oder an die belgischen Bürgersteige, die sich über Nacht zu bewegen scheinen und am nächsten Morgen richtige Dellen oder tückische Löcher aufweisen. Bin mal gespannt, wann die Straße wieder geteert wird. Und wann endlich so etwas wie Normalität einkehrt in diesem surrealen Brüssel.

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