Sven Hannawald gewinnt als erster Skispringer überhaupt alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee
Der Sprung in die Geschichtsbücher

Sven Hannawald siegt auch beim letzten Springen der Vierschanzentournee in Bischofshofen und schreibt damit Sportgeschichte. Trainer Reinhard Heß blickt optimistisch nach Salt Lake City.

Die Konkurrenten hatten lange die leise Hoffnung gehegt, dass Sven Hannawald doch noch ein Stolperer hemmen könnte auf der Jagd nach dem Mythos. Aber der Mann mit dem blauen Helm ist nicht zerbrochen am Druck, der Zauber hat ihn nicht verlassen beim achten und letzten Sprung der Vierschanzentournee. Nicht einmal von der sporthistorischen Dimension ließ sich der sensible Athlet in seiner Konzentration verwirren. Um 16 Uhr warf er in Bischofshofen ein letztes Mal den Propeller an und landete, wie er später erzählte, "wie ein Flugzeug". 139 Meter und Schanzenrekord im ersten, 131,5 Meter im zweiten Durchgang. Wieder einer dieser Momente, in denen es nur noch ihn selbst, die Luft und den Ski gab. Geschafft. Insgesamt 1 025 Meter ist er auf vier Schanzen gesprungen. Er gewann die Tournee mit der höchsten Punktzahl überhaupt (282,9) vor dem Finnen Matti Hautamäki (280,4) und dem Österreicher Martin Höllwarth (274,2) und er siegte als erster Sportler in der 50-jährigen Geschichte der Tournee bei allen vier Springen. Jetzt kann er sich nicht mehr wehren gegen den Mythos.

Der neue Schneekönig schlug die Hände vors Gesicht und sah fast ein bisschen ehrfürchtig zum Turm hinauf, als könne er sein einzigartiges Formhoch gar nicht fassen. Im Auslauf umarmte er Schwester Jeanette, warf sich auf den Bauch und machte den Taucher. Bundestrainer Reinhard Heß zog den Hut vor seinem Athleten und die Mädchen brachte Hannawald sowieso zum Kreischen. Das imposante Ende eines Vierakters.

Die Rolle des Siegers war eigentlich Adam Malysz zugedacht. Der Pole hatte mit seiner Dominanz vor Beginn der Tournee die Gegner zermürbt. Malysz wurde mit Erwartungen überfrachtet, konnte seine Stärke aber nicht hinüberretten in den Klassiker. Die Wende hätte er schon in Innsbruck schaffen müssen, aber dort zeigte Hannawald eben im ersten Durchgang jenen Sprung, den nicht nur seine Fans so schnell nicht vergessen werden. Die Luft, das Material und der Mut führten den Flugkünstler aus Hinterzarten auf 134,5 Meter hinunter. Malysz hingegen fehlt die Explosivität am Bakken, die ihn sonst auf ein exklusives Flugniveau hob. Der Favorit beendete die Tournee nur als Vierter.

Das gute Gefühl genießt jetzt Sven Hannawald, der nicht mehr eingreifen muss in seiner Flugphase, weil alles wie von selbst im Fluss ist. "Er hat etwas Außergewöhnliches geschafft", glaubt Reinhard Heß. Beim Weltcupspringen in Neustadt Anfang Dezember hatte sein Schützling zum ersten Mal gespürt, dass er den anderen davon fliegen kann. "Die entscheidenden Dinge kann man einfach nicht erklären", sagte Österreichs Teamchef Toni Innauer und staunte. In der vergangenen Saison grübelten die Experten über das Hoch von Malysz, jetzt versucht man das unglaubliche Flugverhalten von Sven Hannawald zu analysieren, der selbst ratlos ist: "Ich weiß auch nicht, wie ich das schaffe. Das ist sensationell."

Nichts wirft ihn mehr um, und er hat in der Vorbereitung offensichtlich alles richtig gemacht: Die vergangene, teilweise deprimierende Saison abgehakt, ein paar Kilogramm zugenommen, das Krafttraining richtig dosiert, sich in der Treibhöhe um 15 Zentimeter gesteigert, weshalb er sich jetzt schnell in eine höhere Fluglage katapultiert, dazu das Material gewechselt - französische Bretter aus Carbon und afrikanischem Edelholz - und damit einen Glücksgriff getan.

Hannawald ist natürlich nicht aus dem Nichts zum Überflieger gereift, er zählt schon seit Jahren zur Weltspitze und war Skiflug- und Mannschaftsweltmeister. Aber jetzt ist das Selbstbewusstsein des einstigen Zauderers und Zweiflers derart gestärkt, dass ihn auch die knisternde Atmosphäre der Tournee nicht mehr verunsichern kann. Denn die Erwartungen der Zuschauer und der Rummel um die Skiadler fordern von den Athleten immer viel Kraft. Kein Wunder, dass die Antworten des neuen Stars mittlerweile stereotyp, seine Witzchen dünn wirken. Er mache halt "einfach sein Zeug", sagt er.

Auch Martin Schmitt kommt Sprung für Sprung aus dem Tal, Fünfter in Innsbruck, Fünfter in Bischofshofen. Aber er ist eben wie alle anderen noch nicht stark genug, um Hannawald die Show zu stehlen. "Sven springt im Moment noch in einer anderen Liga. Aber Martin tastet sich heran und kann wieder ein richtiger Partner von Sven werden", so Heß. Vielleicht springen die beiden in einem Monat in Salt Lake City schon im Gleichschritt.

Überhaupt darf der Bundestrainer dem Mannschaftswettbewerb positiv entgegenblicken: Sechs deutsche Adler erreichten in Bischofshofen das Finale, Youngster Stephan Hocke bestätigte über die Tournee hinweg seine Form und Georg Späth löste sein Olympia-Ticket. Hannawald aber wurde zur Legende.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%