Symbole werden zerstört
Bagdad ist gefallen

Plötzlich sind sie weg. Die fahnenschwenkenden Anhänger von Saddam Hussein mit ihren Sprechchören, die Milizen in den Sandsackburgen im Zentrum von Bagdad und auch die Minister mit ihren Ankündigungen eines vernichtenden Sieges über die US-Truppen. Unter dem Druck ihrer Angriffe ging das System Saddam am Mittwoch in die Knie. Plünderungen in der irakischen Hauptstadt und Abrechnungen mit Repräsentanten des Regimes im Land markierten das Ende des Regimes.

HB/dpa BAGDAD Dann mahlen schwere Panzerketten über den Asphalt vor dem Hotel "Palestine" in Bagdad. Ein Bataillon der US-Marines stößt auch am Ostufer des Tigris bis in die Innenstadt vor und bezieht mit mehr als 20 Kampf- und Schützenpanzern Position. "Wir sind nicht mehr auf großen Widerstand gestoßen", sagt US-Sergeant Nathen Tompson. "Uns hat sich keine organisierte Streitmacht entgegengestellt." Soldaten gehen hinter Mauern und um ihre Jeeps in Stellung.

"Ich bin hier, um sicherzustellen, dass mein Sektor in Bagdad frei von Widerstandsnestern ist", sagt Oberstleutnant Brian McCoy, der Kommandeur der Einheit. "Wir sehen uns hier um. Wir haben Informationen, dass sich hier noch Fedajin (Freiwilligen-Milizen) aufhalten könnten", sagt er weiter. McCoys Bataillon war aus Südosten nach Bagdad vorgestoßen. Insgesamt seien die Soldaten von der Bevölkerung "willkommen geheißen" worden. Doch vor dem Hotel sind die Gefühle gemischt: Einige Iraker strahlen, mehrere Männer weinen beim Einmarsch der US-Soldaten.

Blutige Abrechnungen auch in anderen Städten

In dem Vakuum der zerfallenen irakischen Staatsmacht holen sich die Menschen aus Behörden und staatlichen Lagern, was sie gebrauchen und so viel sie tragen können. Gruppen von Männern und Frauen schleppen Möbel und Teppiche aus Behördenbüros. "Das Olympische Komitee, das Innenministerium, ein großes staatliches Einkaufszentrum werden ausgeräumt", berichtet ein irakischer Augenzeuge. Auch vor den Luxusautos des Regimes wird nicht Halt gemacht. In Straßen der Innenstadt liegen auch Tote. Blutige Abrechnungen mit Vertretern des Regimes werden aus anderen Städten des Iraks gemeldet.

Nachdem US-Soldaten am Mittwoch die Kontrolle in der Innenstadt von Bagdad übernommen haben, ließen zahlreiche Einwohner der Hauptstadt ihre Wut an den Symbolen der Macht von Präsident Saddam Hussein aus. Sie zerstörten und beschädigten mehrere der überall in der Stadt aufgestellten Bilder und Statuen des Präsidenten. Vor dem "Palestine"-Hotel, in dem die meisten ausländischen Journalisten untergebracht sind, kletterten Iraker mit einer Leiter auf ein hohes Podest mit einer überlebensgroßen Saddam- Statue. Sie befestigten ein Seil an der überlebensgroßen Bronzefigur, mit dem diese herabgerissen werden könnte.

Soldaten lassen Plünderer gewähren

Die amerikanischen Soldaten lassen die Plünderer in der Regel gewähren. Kanadische Journalisten beobachteten schon am Morgen in der Nähe des Flughafens, wie Menschen aus Lagerhäusern Möbel, Kühlschränke und Klimaanlagen schleppten. Die dort stationierten Amerikaner hätten sich nicht darum gekümmert. Als dann aber der Mob beginnt, den verlassenen Sitz der UN-Waffenkontrollmission im Irak (UNMOVIC) auszuräumen, geht es ihnen nach Beobachtung der Reporter zu weit: Soldaten besetzen das Gebäude, in dem die kurz vor Kriegsbeginn eilig abgezogenen Waffeninspekteure wohl wertvolle Ausrüstungen zurückgelassen haben, und verscheuchen die Menge.

Die Realität auf den Straßen Bagdads straft den irakischen Informationsminister Mohammed Sajjid el Sahhaf, der seit Monaten wie ein Lautsprecher des Systems Erfolge verkündete, Lügen. Immer enger wollte er den Feind - allesamt Söldner, Gauner, Zwerge und Marionetten - eingekreist wissen. "Wir haben sie in ihren Panzern gefangen", sagte er noch am Tag vor dem Zusammenbruch. Da kontrollierten die US-Truppen schon weite Teile der Innenstadt, vor allem aber den Präsidentenpalast und das Regierungsviertel.

Seit Dienstag blieben auch die irakischen Fernsehschirme dunkel und die Radiosender stumm. Die Amerikaner hätten die Sendeanlagen lahm gelegt, heißt es. Lediglich die regimegesteuerten Tageszeitungen erschienen noch am Mittwoch, als ob die Welt noch in Ordnung wäre.

Regierungsorgan zeigt Hussein auf der Titelseite

Das amtliche Regierungsorgan "El Dschumhurija" zeigt pflichtbewusst Saddam Hussein auf dem Titelblatt, darunter die langatmige Schlagzeile: "Der Irak wird siegen, mit der Hilfe Gottes, unserer weisen Führung und der Standhaftigkeit unseres großartigen Volkes." Angeblich gingen die Blätter weg wie warme Semmeln. Bagdader vermuteten, dass viele sich die wohl letzte Ausgabe von regimetreuen Zeitungen als historisches Erinnerungsexemplar sichern wollten.

Viele Menschen erfüllt das Machtvakuum allerdings mit Besorgnis. Sie befürchten gewalttätige Ausschreitungen oder gar bürgerkriegsähnliche Zustände. Nach zweieinhalb Jahrzehnten der grausamen Herrschaft Saddams sind viele Rechnungen offen. Aus Basra wurde berichtet, dass eine aufgebrachte Menge Parteilokale der bislang herrschenden Baath-Partei angegriffen habe. Außerdem hieß es, Iraker hätten dort Landsleute umgebracht. "Das ist ein gefährlicher Zustand", sorgte sich ein irakischer Journalist in Bagdad. "Die Amerikaner müssten jetzt auf Sendung gehen und die Menschen zu Ruhe und Besonnenheit aufrufen."

Araber, die aus anderen Ländern zum freiwilligen Kampf an der Seite des Regimes nach Bagdad gereist sind, haben sich offensichtlich auf die neue Lage eingestellt. "Gott ist groß" und "Unser Blut, unsere Seele, opfern wir für den Irak", skandierten sie noch am Dienstag vor dem Hotel "Sheraton" leidenschaftlich. Am Mittwoch bleibt dann nur unsicheres Herumstehen. Die nächsten US-Panzer sind nur ein paar Minuten entfernt. Einer der zum Kampf Angereisten sagt: "Wir sind Gastarbeiter."

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