Szenarien nach der Wahl
Was Schröder und Stoiber tun, wenn sie verlieren

Auch für den "Fall der Fälle" hegen Kanzler wie Kandidat diskrete Pläne für ihre Zukunft - auch wenn sie nicht gern öffentlich darüber reden.

gof/rks BERLIN. Die Überlebensregel Nr. 1 für Wahlkämpfer ist die Zurückweisung jeder "Was-wäre-wenn-Frage". Klar: Alle setzen auf Sieg, und jeder Gedanke an eine Niederlage wäre nur ein Ausweis mangelnder Zuversicht. Dennoch wird die Möglichkeit einer Niederlage einkalkuliert. Als die SPD am Anfang des Wahlkampfs in die Verlustzone rutschte, fragten sich viele Genossen bange, ob Kanzler Schröder im Falle einer Niederlage hinschmeißen und in die Wirtschaft entschwinden würde. Die Folge wäre eine führungslose SPD im bitteren Augenblick der Niederlage, verbunden mit Nachfolgekämpfen.

Doch Schröder, der das Amt des SPD-Vorsitzenden nach Oskar Lafontaines Abgang nur ungerne übernahm, hat sich inzwischen im Willy-Brandt-Haus eingerichtet. Der oft flapsige Pragmatiker Schröder spürt mittlerweile die Verantwortung, die ihm die Führung der ältesten Partei Deutschlands neben seinem Staatsamt abverlangt. Schließlich stehe er in einer großen Tradition mit Männern wie August Bebel, Kurt Schumacher oder Willy Brandt, hat Schröder einmal ehrfurchtsvoll in kleiner Runde geraunt. So eine Aufgabe kann man nicht einfach abstreifen wie ein altes Hemd. Schon vor Monaten reifte in Schröder der Entschluss, die SPD auch im Falle einer Wahlniederlage so lange weiterzuführen, bis die Nachfolge anständig geregelt ist.

Dabei läuft alles auf den niedersächsische Ministerpräsidenten Siegmar Gabriel zu - wenn er die Landtagswahl im Frühjahr 2003 gewinnt. In Schröders Augen kann nur SPD-Vorsitzender werden, wer zuvor aus eigener Kraft Wahlen gewonnen hat. Das gilt auch für Kronprinz Nr. 2, Matthias Platzeck. Der brandenburgische Ministerpräsident hat Manfred Stolpes Regierungsamt ohne Wahlen übernommen, kann sich in Brandeburg aber über stabile Mehrheiten freuen.

Um die unbeantwortete Machtfrage wird es bei einer Wahlniederlage auch in der CDU gehen. Bundespolitisch wird ein geschlagener bayerischer Ministerpräsident dann im Abseits stehen und die CSU in ihrer Bedeutung wieder zur Regionalpartei minimiert sein. Vorsorglich beteuern Stoibers Parteifreunde in München aber schon einmal, der Landesvater werde "unbeschädigt" (Alois Glück) heimkehren können.

Ein wahres "Schlachtfest", so ein CDU-Abgeordneter, droht der CDU - Fraktion. Schließlich geht es für Parteichefin Angela Merkel bereits ab Montag um die strategisch beste Machtposition für die Bundestagswahl 2006. Deshalb wird sie den Fraktionsvorsitz anstreben. Der derzeitige Chef, ihr Intim-Feind Friedrich Merz, wird wohl nächste Woche weichen müssen. Der wehrt sich zwar noch erbittert mit Verfahrenstricks gegen seine Demissionierung. Doch wissen Fraktionäre längst, dass Michael Glos, Stoibers Schattenmann in der Fraktion, seine CSU-Truppen ruhig halten und Stoibers Wunsch entsprechen wird, Merkel nicht zu beschädigen.

Merkel wird auch eigene Truppen in der Fraktion aufstellen. Deshalb wird der Parlamentarische Geschäftsführer, Hans-Peter Repnik, als nächster weichen. Statt Repnik, der nicht nur den Malus des Schäuble-Intimus trägt, sondern als Teufel-Mann zur "Stoibermacher-Fraktion" gehört, sehen viele Norbert Lammert als neuen Geschäftsführer. Der hatte nicht nur Schäubles Amnestieplan nach der Flick-Affäre vereitelt, sondern auch geholfen, den Parteichef aus dem Amt zu drängen.

Nach derartigen und anderen "Säuberungen" kann nur noch Eines Merkels Zukunftspläne gefährden: ein Wahlsieg ihres Idealkonkurrenten um die Kanzlerkandidatur, Roland Koch in Hessen. Doch auch dessen Chancen sänken bei einer CDU-Schlappe gewaltig, gerade wenn es im Bund eine rot-gelbe Koalition gibt. Dann kann er sich beim Scheitern oder Umkippen der FDP auch in Wiesbaden unversehens in der Opposition wiederfinden.

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