T-Day
Der Tag des Wechsels

Sihler geht, Ricke kommt - so viel steht bei der Telekom inoffiziell bereits fest. Offiziell heißt es nur: Bei der Aufsichtsratssitzung heute werde es keine Überraschungen geben.

BONN. Er musste 72 Jahre alt werden, seinen Ruhestand unterbrechen und als Interims-Chef der Deutschen Telekom amtieren, um gestern das zu erleben: die erste Demonstration seines Lebens. Mehr als 3 000 Mitarbeiter des Bonner Konzerns protestieren gegen den geplanten Stellenabbau vor der Bonner Konzernzentrale, und Helmut Sihler steht mitten unter ihnen.

Um ihn herum jede Menge Transparente mit Sprüchen wie "Ist der Vorstand nicht so schlau, dann macht er Personalabbau", auf der Bühne tanzt eine Sängerin und singt die Disco-Schnulze "I will survive".

Aus dem gesamten Bundesgebiet sind Telekom-Beschäftigte nach Bonn gekommen, um ihrem Unmut über den von Sihler bekräftigten Plan Luft zu machen: Mehr als 50 000 Arbeitsplätze sollen bis Ende 2005 wegfallen. Im Schnitt verliert damit jeder fünfte Telekom-Mitarbeiter seinen Job. "Sihler heißt er, uns bescheißt er", ruft die Menge im Chor - einen Tag vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung am heutigen Donnerstag, bei der die künftige Strategie und der neue Konzernchef festgelegt werden.

Erst hat Sihler das Treiben aus seinem Bürofenster im fünften Stock der Telekom-Zentrale beobachtet. "Man hat mich runtergewunken, aber ich wäre auch so runtergekommen", erzählt er. Um Verständnis werben und erklären, dass es keine Alternative zum Stellenabbau gebe, das wollte er den Leuten da unten erzählen. "Es macht keinen Sinn, das Problem aufzuschieben. Der Konzern muss sparen, um wieder handlungsfähig zu werden." Aber man lässt ihn nicht reden. Das passt nicht, das ist unsere Veranstaltung, sagen die Gewerkschaftler.

Nach einer Stunde Demonstration geht Sihler daher wieder zurück in sein Büro. Es ist sein vorletzter Arbeitstag. Heute übergibt er den Stab - an Kai-Uwe Ricke, 41, den bisherigen Chef der Telekom-Mobilfunksparte T-Mobile. Inzwischen ist seine Wahl zum neuen Lenker des europaweit größten Telekomkonzerns so gut wie sicher. "Die Frage jetzt ist nur noch, mit welcher Mehrheit Ricke gewählt wird", erzählt man sich in Aufsichtsratskreisen. Zwei Abweichler soll es noch geben, die gegen Ricke sind. Die müssen noch überzeugt werden. "Wir brauchen einen starken Vorstandsvorsitzenden, und daher brauchen wir ein gutes Wahlergebnis. Wir können uns nicht mit einem schwachen Ergebnis wieder der Lächerlichkeit preisgeben", heißt es in informierten Kreisen.

Die 10-köpfige Arbeitnehmerbank in dem zurzeit aus 19 Mitgliedern bestehenden Kontrollgremium ist offenbar schon länger einer Meinung. "Ich gehe davon aus, dass die Arbeitnehmerseite geschlossen Ricke wählt", glaubte man dort gestern. Rickes Vorzüge können sie inzwischen aus dem Effeff runterspulen: "Er kennt das Unternehmen, er muss sich nicht einarbeiten, kann daher notwendige Entscheidungen schnell treffen." Er sei zu jung, monieren noch einige Aufsichtsräte von der Kapitalseite. "Ein kompetenter Mensch, der mit Menschen umgehen kann. Das ist das, was wir brauchen", kontern die Ricke-Fans. "Wir brauchen jemanden, der in guten Zeiten wieder Visionen entwickeln kann." Übersetzt heißt das: Man will keinen knallharten Sanierer und Macher.

Sihler selbst nimmt das Wort Ricke nicht in den Mund. Er sagt nur so viel: "Es wird bei der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag keine Überraschungen geben." Warum man dann nicht Ricke schon im Juli nach dem erzwungenen Rücktritt von Ron Sommer zum Telekom-Chef gemacht habe? "Ja, wir hätten es früher machen können", sagt er nach einem kurzen Zögern. "Jetzt ist es aber einfacher zu sagen, wer der Richtige für den Job ist. Schließlich hab ich das Unternehmen und die Leute vier Monaten lang besser kennen lernen können und erfahren, was die Telekom braucht." Und eine Notlösung, wie manche den Favoriten des Aufsichtsrats-Präsidiums nennen, sei es daher keinesfalls, sagt Sihler.

Eine kleine Unwägbarkeit bleibt aber immer noch bestehen. "Auf Ricke wetten würde ich nicht", sagt ein Aufsichtsratsmitglied. Denn seine letzte Wette hatte er verloren. Da hatte er eine Kiste Rotwein darauf gesetzt, dass Ron Sommer bei der Telekom bleiben würde. In Gedanken zählt er nochmals die Aufsichtsratsmitglieder durch. "Na ja, eine Flasche würde ich doch auf Ricke setzen", sagt er schließlich.

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